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Kölnische Rundschau | Giftschrank oder Buchladen: Debatte um kritische „Mein Kampf“-Edition
08. January 2016
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Giftschrank oder Buchladen: Debatte um kritische „Mein Kampf“-Edition

Ein aufgeschlagenes Exemplar der Originalausgabe der Hetzschrift «Mein Kampf» des späteren nationalsozialistischen Diktators Adolf Hitler.

Ein aufgeschlagenes Exemplar der Originalausgabe der Hetzschrift «Mein Kampf» des späteren nationalsozialistischen Diktators Adolf Hitler.

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dpa

München -

In den Giftschrank oder in den Buchladen? Die Frage nach dem angemessenen Umgang mit Adolf Hitlers „Mein Kampf“ beschäftigt die Historiker. Zeitzeugen wie der Holocaust-Überlebende Max Mannheimer finden es unerträglich, dass gerade in Deutschland die Hetzschrift wieder erscheint. „Es ist furchtbar, wenn im Land der Täter die Nachkommen der Überlebenden zusehen müssen, wie wieder „Mein Kampf“ in einer neuen Fassung vorgestellt wird, ein unvorstellbarer Gedanke“, sagte der 95-Jährige dem Bayerischen Rundfunk.

Kritische Edition soll entmystifizieren

Allerdings: Ein reiner Nachdruck ist das Werk des Instituts für Zeitgeschichte München - Berlin nicht. Es ist eine kritische Edition, die das hasserfüllte und bisweilen wirr geschriebene Propagandabuch des Nazi-Diktators entmystifizieren will. „Sie enttarnt die von Hitler gestreuten Falschinformationen und seine Lügen und macht jene zahllosen Halbwahrheiten kenntlich, die auf propagandistische Wirkung zielten“, sagte Institutsdirektor Andreas Wirsching bei der Vorstellung am Freitag in München.

Ein wichtiger Grund für das Erscheinen war das Auslaufen der Urheberrechte, die seit Ende des Zweiten Weltkrieges beim Freistaat Bayern lagen. Doch nun sind 70 Jahre vorbei, und theoretisch könnte nun jeder Hitlers Machwerk publizieren. „Es wäre schlicht unverantwortlich, dieses Konvolut der Unmenschlichkeit gemeinfrei und kommentarlos vagabundieren zu lassen, ohne ihm eine kritische Referenzausgabe entgegenzustellen, die Text und Autor gewissermaßen in die Schranken weist“, begründet Wirsching.

Nach wie vor volksverhetzend

Ganz so gemeinfrei ist das zwischen 1924 und 1926 verfasste Buch allerdings nicht - gilt sein Inhalt doch in Deutschland nach wie vor als Volksverhetzung. In der Tat sind Hitlers Aussagen schockierend, etwa wenn er über „Blutsünde und Rassenschande“ schwadroniert und zum Judenhass aufstachelt. Der unveränderte Nachdruck zum Zwecke der Verbreitung wie auch die Verbreitung sei deshalb grundsätzlich strafbar, teilte das Bayerische Justizministerium mit.

Das sei auch wichtig, betont der Zentralrat der Juden in Deutschland. Hitlers Machwerk transportiere einen vulgären Antisemitismus. Es verhöhne die Opfer der Shoa und verletze die Gefühle der Überlebenden zutiefst. „Selbst wenn antiquarische Ausgaben und Übersetzungen international weiterhin erhältlich sind, ist dies die einzig angemessene Reaktion des deutschen Rechtsstaats“, konstatiert der Zentralrat.

Rund drei Jahre lang arbeiteten sich Projektleiter Christian Hartmann und sein Team, darunter mehr als 80 externe Experten, in „Mein Kampf“ ein. Eine anstrengende Aufgabe. „Da ist natürlich schon so ein gewisser Ekelfaktor“, sagte Hartmann. Ihm ist wichtig, die Debatte um den Nationalsozialismus nicht nur auf den obersten Nazi zu beschränken und die Rolle der Gesellschaft auszublenden. „Hitler ist einer von uns“, stellt der Historiker klar. „Hitler war in dem Sinne kein pathologisch Verrückter. Aber es sind sehr viele normale Leute auf seine Ideologie reingefallen.“

Verbote könnten einen Mythos schaffen

Dass das Buch die neuen Rechten in ihrer Gesinnung bestärken wird, gerade in Zeiten von Brandanschlägen auf Flüchtlingsheime, glaubt er nicht. „Unsere Edition ist im Grunde genommen eine völlige Demontage dieses Buches, von dieser Ideologie und von diesen Vorstellungen bleibt eigentlich nichts mehr übrig.“

Der britische Historiker und Hitler-Biograf Ian Kershaw hält genau das für längst überfällig. Jeder könne sich „Mein Kampf“ trotz eines Verbots besorgen. Umso wichtiger sei es, das Werk nicht unkommentiert zu lassen. Um die Deutschen macht er sich keine Sorgen. Deutschland sei eine gefestigte Demokratie. „Die Lektüre von Hitlers unsäglichem Text wird mit Sicherheit keinen unvoreingenommenen Menschen zum Nazi konvertieren“, glaubt Kershaw. Verbote dagegen könnten einen Mythos schaffen.

Und trotzdem wäre manchen lieber, wenn das Buch in der Versenkung bliebe. So wie Ronald S. Lauder, dem Präsidenten des Jüdischen Weltkongresses (WJC). „Von diesem abscheulichen und giftigen Buch sind schon genug Exemplare gedruckt worden“, sagte er. „Es wäre also das beste, “Mein Kampf„ dort zu lassen, wo es hingehört: Im Giftschrank der Geschichte.“ Und auch Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern und früher Zentralratspräsidentin, warnte: Jüngst habe man das Potenzial an antijüdischem Hass, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit in Deutschland erleben können. „Man kann nicht vorhersehen, was dieser Text bewirkt. Manch einer könnte Hitlers Worte wieder ernst nehmen“, befürchtet Knobloch, die die Nazigräuel als Kind erlebt hat.

In anderen Ländern wird publiziert

In anderen Ländern wird das Buch aber publiziert, mitunter gar versehen mit Hakenkreuz und Hitlers Unterschrift. Und ganz hinten Werbung für andere Bücher, etwa von US-Präsident Barack Obama. Genau hier wollte das Münchner Institut ansetzen. Gerade in einer Zeit, in der in Europa die bekannten Formeln rechtextremistischer Freund-Feind-Hetze wieder sagbar und entsprechende Denkhaltungen wieder salonfähig zu werden drohen, müsse man die Triebkräfte des Nationalsozialismus und seines tödlichen Rassismus erforschen und kritisch präsentieren, ist Wirsching überzeugt.

Ähnlich sieht es Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU), die in der Edition einen wichtigen Beitrag für die politische Bildung, auch im Schulunterricht sieht. Sie zeige, „wie aus diesen gefährlichen Worten Hitlers schreckliche Taten werden, wie das funktioniert hat“, sagte Wanka dem Fernsehsender RTL. Es sei gut, dass Jugendliche nun „in die Lage versetzt werden, dass man selbstständig denken kann und dass man eben nicht auf populistische Verführer hereinfällt.“ So wünscht etwa der Deutsche Philologenverband ein Exemplar der kritischen Ausgabe für alle weiterführenden Schulen.


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