didacta

Vorlesen
0 Kommentare

Inklusion: Eine Regelschule für alle

Erstellt
„Diese Exklusion ist eine Sackgasse“, sagt Prof. Kersten Reich. Im Interview erklärt der internationale Lernforscher von der Universität zu Köln, warum Deutschland allen Kindern das Regelschulsystem anbieten muss und wo die Vorteile liegen.
Gemeinsam lernen und gemeinsam stark sein.

Inklusion meint in der Regel die Inklusion behinderter Kinder in die Regelschule. Trifft das den Begriff?

Kersten Reich: Der Inklusionsbegriff ist deutlich weiter gefasst. Er meint nicht nur Menschen mit Behinderung, sondern er betrifft Menschen mit allen Formen von Benachteiligung. Von der Mehrzahl her sind das Menschen mit sozio-ökonomischen Benachteiligungen. Solche Benachteiligungen sind die wesentlichen Faktoren für eine benachteiligte Schulkarriere. In Deutschland im besonderen Maße, weil hier der Bildungserfolg besonders stark von der sozialen Herkunft abhängt. Dann gibt es aber auch noch andere Benachteiligungsfaktoren wie die Geschlechterzugehörigkeit, den ethnokulturellen Hintergrund und die Diversität in den Lebensformen. Wir haben also einen breiten Inklusionsbegriff in der heutigen Debatte. Auch die UN-Behindertenrechtskonvention bezieht sich auf solch einen weiten Inklusionsbegriff.

Bleiben wir dennoch zunächst bei den Kindern mit Behinderungen. Führt Inklusion zu mehr Bildungsgerechtigkeit? Oder haben die Befürworter der Förderschulen Recht, die sagen, dieses System der Exklusion sei gerecht?

Kersten Reich: Inklusion führt nicht notwendig zu mehr Bildungsgerechtigkeit, wenn man sich nicht an bestimmte Regeln hält. Inklusion zum Nulltarif oder zum gleichen Tarif wie das jetzige Schulsystem wird es nicht geben. Es müssen Ressourcen geschaffen werden, um Inklusion wirklich zum Gelingen zu bringen. Eines kann man aber den Gegnern der Inklusion ganz klar sagen: In fast keinem Land der Welt wird Exklusion als ein gangbarer Weg gesehen. Wir haben hier in Deutschland eine wirkliche Ausnahmestellung. Und die Gegner der Inklusion sind auch den Nachweis schuldig geblieben, dass das Sonderschulwesen tatsächlich den von ihnen versprochenen Erfolg hat. Denn die große Mehrheit der Sonderschülerinnen und Sonderschüler bekommen keinen Abschluss. Das Desaster dieses Schulsystems besteht darin, dass trotz der angeblichen besonderen Förderung so wenig dabei rauskommt! Andere Länder, die keine Exklusion in dieser Form haben, haben deutlich bessere Quoten, auch beim Übergang dieser Jugendlichen in die Berufswelt. Man kann also sagen, dass die Exklusion eine Sackgasse ist. Ein gescheiterter Weg, den wir vor allem aus Gewohnheit gehen.

Minister und Verbände betonen immer wieder, dass die Sonderschulen – sozusagen als Wahlmöglichkeit – weiter existieren müssen. Was halten Sie davon?

Kersten Reich: Es mag Übergangsfristen für einige der Sonderschultypen geben, z.B. für geistige Entwicklung oder bei Schwerstmehrfachbehinderten. Für viele in Deutschland ist es sehr ungewohnt, dass auch solche Menschen ins Regelschulsystem kommen können. Ich habe länger im Ausland gelebt und weiß aus eigenen Erfahrungen, dass es möglich ist. Auch da handeln wir sehr oft aus Gewohnheit und geben diesen Kindern und Heranwachsenden zu wenige Fördermöglichkeiten. Aber eines sollte ganz klar sein: Die Schwerpunkte Lernen, Erziehungsschwierigkeit und Sprache müssen möglichst schnell ins Regelschulsystem überführt werden. Es ist erforderlich, dass die Länder hier ein klares Signal setzen. Das kann und sollte dann auch dazu führen, dass die Bereitschaft zur Inklusion für alle Formen von Behinderung wächst.

Aber bei den Bildungsverlierern sind wir vorn …

Kersten Reich: Ja, das zeigen auch die neuesten Studien. Noch immer sind etwa 15 Prozent der Schülerinnen und Schülern besonders stark abgekoppelt Diese Zahl ist seit 2001 unverändert groß.

Noch eine abschließende Frage. Sie verweisen in Ihren Veröffentlichungen immer wieder auf das Toronto-Statement. Was ist das?

Kersten Reich: Das District Schoolboard of Toronto ist das Beispiel eines kanadischen Bezirks, wo die Inklusion in Schulen in vorbildlicher Weise durch Regelungen für diese Schulen und für die Schülerinnen und Schüler, die Eltern, die Lehrerinnen und andere Beteiligte entwickelt wurde. Und wenn man dieses Modell auf Deutschland übertragen würde, was denkbar und möglich ist, dann hätten wir einen großen Gewinn.

Gibt es denn schon in Deutschland irgendwo einen Ansatz, der sich auf Toronto bezieht?

Kersten Reich: Ja, wir versuchen in Köln diesen Bezug herzustellen. Meine Universität versucht mit der Stadt Köln zusammen eine inklusive Universitätsschule zu gründen, die als Vorbild dienen soll und die eng mit der Lehrerausbildung verknüpft sein wird. Damit wollen wir ein positives Modell setzen und zeigen, was bei uns möglich ist. Wir wünschen uns, dass auch die Bildungspolitik in Bund und Land uns in dieser Hinsicht noch weiter unterstützen wird, denn heute sind klare Praxismodelle, die zeigen wie Inklusion gut gemacht werden kann, ein wesentlicher Schlüssel zum Erfolg.

HP

Umfrage

Was halten Sie von Inklusion an deutschen Schulen?

Unsere Partner

Rahmenprogramm

Veranstaltungsreihen
Tickets

Themendienste zur didacta
Anreise

Impressum

Sonderveröffentlichungen der Zeitungsgruppe Köln

Verantwortlich
Redaktion Marco Morinello
Anzeigen Karsten Hundhausen

Verlag
M. DuMont Schauberg
Expedition der Kölnischen Zeitung GmbH & Co. KG
Neven DuMont Haus
Amsterdamer Straße 192
50735 Köln

Werben auf rundschau-online.de