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Rad- und Versöhnungstour: Mit verstorbenem Vater ausgesöhnt

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Mit einem alten Damen-Rad und Karnevalsorden war Klaus Lüttgen auf Tour. Mit den Orden bedankte er sich für Hilfen und Gastfreundschaft, die er erfuhr – und sorgte damit für manch eine Überraschung. Foto: privat
Klaus Lüttgen suchte lange nach dem richtigen Weg, posthum mit dem verstorbenen Vater ins Reine zu kommen. Dies war zu dessen Lebzeiten nicht gelungen. Schließlich radelte er 7000 Kilometer durch Alaska. Im Gepäck: 250 Karnevals-Orden.  Von
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Lindweiler/Grevenbroich

Klaus Lüttgen suchte lange nach dem richtigen Weg, posthum mit dem verstorbenen Vater ins Reine zu kommen. Dies war zu dessen Lebzeiten nicht gelungen. Vor einigen Jahren gaben ihm die Erinnerungen an seinen Jugendwunsch, einmal auf den Spuren des Abenteurers und Schriftstellers Jack London zu wandeln und als Trapper und Holzfäller den rauen Norden Amerikas zu erleben, den Fingerzeig, den zumindest späten Frieden mit dem Vater in eben diesem Land zu suchen.

20 000 Orden verkauft

Doch seine wirtschaftliche Lage – Lüttgen war 2011 seit zweieinhalb Jahren ohne Job – ließ dies eigentlich nicht zu. So griff er zum letzten Strohhalm und versetzte neben einem Motorrad-Oldtimer den größten Teil des väterlichen Erbes: Sage und schreibe 50 000 Karnevals-Orden umfasste die Sammlung des Vaters. 25 000 davon erbte Klaus Lüttgen, 20 000 verkaufte er, um die Reise nach Alaska finanzieren zu können. Kaum verwunderlich, dass er deshalb seine viermonatige Reise 2011 dem Vater widmete.

Im 64 Kilo schweren Gepäck waren neben der Ausrüstung für das Leben in Gottes freier Natur in Nordamerika etwa 250 Karnevals-Orden. Als „Fortbewegungsmittel“ ab Vancouver diente ihm ein 30 Jahre altes Damen-Hollandfahrrad mit eingebauter 14-Gang-Schaltung, das etwa 30 Kilo wog. Seine Ausrüstung packte er in einen Fahrrad-Anhänger. „Es war auch gefährlich, da die Radbremsen aufgrund des Gewichts nicht immer funktionierten“, so Lüttgen.

Täglich 6500 bis 7000 Kalorien verbraucht

Während der Expedition verpflegte sich der Abenteurer überwiegend selbst. Probleme gab es mit dem Trinkwasser. „Zwar ist reichlich Wasser vorhanden. Doch es ist nicht immer genießbar. Dazu bedurfte es der Reinigung mit Chemietabletten.“ Auf dem Speiseplan standen morgens Haferflocken und Müsli, mittags Powerriegel, am Abend Nudeln. „Immerhin verbrauchte ich täglich 6500 bis 7000 Kalorien, um pro Tag etwa 90 bis 100 Kilometer zurücklegen zu können. Entsprechend mussten Nahrungsmenge und Kalorienzuführung dosiert sein.“

Auf Mutters Spuren

Im März und April plant Klaus Lüttgen eine weitere Reise –  diesmal   per pedes. Diese Wanderung führt ihn ab Grevenbroich zu dem OrtUsch bei Schneidemühle/Pila.

Dort, in der polnischen Region Posen, möchte er dieHerkunft der Mutter Margarethe, deren Familie und Heimat erkunden.


Lüttgen, in Köln geboren, war gerade vier Jahre alt, als seine Mutter 1963 verstarb. Danach wuchs er zunächst in der Obhut seiner älteren Schwester Erika auf, verbrachte anschließend etwa zweieinhalb Jahre im Kinderheim Michaelshoven in Köln-Rodenkirchen, ehe er mit  elf Jahren zurück zum Vater Karl kam, der bei den Ford-Werken als Schichtarbeiter beschäftigt war.


Dort setzte sich die schwierige Zeit für den jungen Klaus fort. Mit 15 Jahren verließ er periodisch die Wohnung des Vaters, um mit 18 Jahren endgültig zu gehen. (hjm)

 

Da kamen ihm gelegentliche Einladungen und die Gastfreundschaft entgegen. „So lud mich ein zugewanderter Deutscher per Internet für drei Tage zu ihm nach Fairbanks (Yukon-Gebiet) ein. Manche nahmen mich im Auto mit, eine Schiffscrew brachte mich mit ihrer Fähre über den Yukon, andere boten mir eine Übernachtung an, der Goldgräber Jim sogar seine Hütte“, erinnert sich Lüttgen. „So wie der Mann aus Campbell River, der mich nach einer Reifenpanne in einer wilden Gegend zu sich nach Hause mitnahm.“ Dort erlebte Lüttgen, wie sich die beiden Söhne des Ureinwohners nach reichlichem Alkoholgenuss in die Haare gerieten. Dieser Streit endete für den älteren Sohn tödlich, für Lüttgen mit einer Nacht in der Unterkunft der Heilsarmee.

Abgesehen davon waren seine Begegnungen erfreulich. Als Dank für eine freundliche Auskunft, eine Hilfe oder eine Einladung revanchierte sich Lüttgen mit je einem der Karnevals-Orden, die er aus dem Erbe dabei hatte. Eine Geste, die in Kanada und in Alaska völlig fremd war und Überraschung auslöste.

Spannende Begegnungen mit der Tierwelt

Die Begegnungen mit der Tierwelt entlang der Highways schildert Lüttgen als aufregend. Kein Wunder bei insgesamt 47 Begegnungen mit Bären, meist Schwarzbären und fünf Grizzlys sowie einem aggressiven Kojoten. Zwei Grizzlys kreuzten seinen Weg auf dem Cassiar-Highway. „Am Ende war ich heilfroh, als ich den Kinaskan-See erreichte. Dort trotteten sie davon.“ Um sich die Bären vom Hals zu halten, griff Lüttgen auf einen alten Trick zurück. Er versprühte seinen Urin rund ums Zelt. „Ein probates Mittel: Nach dem Schnüffeln zog der Bär, der sich eines Nachts rings ums Zelt zu schaffen machte, davon.“ Und noch etwas lernte Lüttgen: „Lebensmittel habe ich nach dem Vorbild der Einwohner hoch in einen Baum etwa 200 Meter vom Lager entfernt gehängt, damit sie für Tiere am Boden nicht erreichbar waren.“

Seine Rad- und Versöhnungstour mit dem toten Vater führte Lüttgen, der zeitweise in Lindweiler wohnt, quer durch British Columbia und das Gebiet am Yukon-River bis Valdez in Alaska. Die Rückreise ging von Haines über die Inside-Passage nach Vancouver. „Die Routen erwiesen sich oft als sehr beschwerlich; zu vergleichen sind sie mit den Radwegen in der Eifel. Man muss verteufelt gut drauf sein.“ Das war er, wie er betont. Dennoch war seine Freude groß, als er seine geliebte Heidi in Grevenbroich wieder in die Arme nehmen konnte – nach gut vier Monaten, einer Radtour mit genau 7014 Kilometern und der späten Versöhnung mit dem Vater.

Zudem verband Lüttgen damit das Vorhaben, aus der (wirtschaftlichen) Not eine Tugend zu machen und die Tour als Reisebericht und -dokumentation zu vermarkten. Ein erster Erfolg gelang ihm nach etlichen Schwierigkeiten: Am 25. Dezember zeigte der WDR einen Teilbericht über diese Tour. Den vollständigen Bericht bringt der Saarländische Rundfunk (SR) wahrscheinlich im kommenden Monat. Zudem strebt Lüttgen an, den Film über diese Reise als Vorspann in den Kinos für eine gewisse Zeit zu etablieren.

 

www.rocktheroads.de

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