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Vielleicht wächst einfach Gras drüber

Von WERNER GROSCH, 06.01.06, 20:14h

Die Bundeskanzlerin ist beliebt. Bei vielen Berlinern könnte sie sich noch beliebter machen. Sie müsste nur ein paar hundert Millionen aus dem Hut zaubern, um den Glanz des alten...

Die Bundeskanzlerin ist beliebt. Bei vielen Berlinern könnte sie sich noch beliebter machen. Sie müsste nur ein paar hundert Millionen aus dem Hut zaubern, um den Glanz des alten Stadtschlosses wieder auferstehen zu lassen.

Der erfolgreiche Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche hat die Begeisterten ermutigt. Sie soll Vorbild sein. Vorbild für bürgerschaftliches Engagement, aber auch für historisches Bewusstsein. Im Eifer ist den Initiatoren keine Metapher zu groß, kein Vergleich zu gewagt. Der gut 400 Mitglieder starke Förderverein Berliner Schloss etwa schwärmt von einem „universalen Forum der Weltneugier und des Weltwissens“, wo die „Idee der Aufklärung“ im barocken Gewand des Schlosses neu erblühen soll. Zusammen mit der benachbarten Museumsinsel werde die Mitte Berlins zu einem „Universalmuseum“, in dem das Licht praktisch niemals ausgehe. Ein Zuhause für Kunst, Kultur und Wissenschaft. Einziehen sollen das Ethnologische Museum, Teile der Humboldt-Uni, die Landesbibliothek, Niederlassungen von Organisationen wie der Unesco, dazu Theater, Galerien, Veranstaltungsräume und Gastronomie. Name: Humboldt-Forum.

Den Rahmen dafür hat der Bundestag auch längst beschlossen. Aber der Rest ist noch nicht mehr als ein kühner Plan, der nach Schätzungen zwischen 535 und 780 Millionen Euro kosten soll. Geld, das die Stadt Berlin niemals aufbringen kann und private Spender allein auch nicht, denn selbst die stattlichen 35 Millionen Euro, die für die Frauenkirche gesammelt wurden, würden bei weitem nicht reichen. Bleibt das Säckel des Bundes. Gestern ließ sich die Kanzlerin im Gespräch mit dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit noch keine Zusage entlocken. Deshalb muss sich Merkel nun an die Aussage ihres Vorgängers erinnern lassen, der den Wiederaufbau des Stadtschlosses befürwortet hatte. Allerdings musste der auch kein Geld locker machen.

So bleibt als realistischste Vision vorerst nur die von der „gärtnerischen Übergangsgestaltung“, wie es im Bundestagsbeschluss heißt. Und die kann sich kein Berliner auf lange Zeit vorstellen. Auch Wowereit nicht. Aber ihm sind die Hände gebunden, weil private Investoren praktisch ausgeschlossen wurden. 65 Prozent des Raumes hinter den barock-imitierenden Fassaden müssen laut Beschluss des Bundestages der öffentlichen Nutzung dienen. Damit erübrigt sich eine Gewinn bringende Anlage, die natürlich auch nicht im Sinne der Fördervereine wäre. Schließlich soll im geplanten Humboldt-Forum der „Diskurs zur Zukunft unserer geistigen Entwicklung im Rahmen der Globalisierung“ stattfinden - und kein Schnickschnack. Politische Unterstützung gibt es durchaus. Der ehemalige CDU-Abgeordnete Dietmar Kansy beklagte, dass das „Herz der Stadt“ ohne eine Bebauung fehlen würde. Bundestags-Vizepräsident Wolfgang Thierse hält es für unvorstellbar, gegenüber der Museumsinsel „etwas Modernes“ hochzuziehen. Und Antje Vollmer von den Grünen sieht in Berlin gar einen „Kult der offenen Wunde“ am Werk, der schöne Projekte wie das Stadtschloss behindere. Mit dem Abriss des Palasts der Republik entsteht wieder so eine. Vielleicht wächst einfach Gras drüber.



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