Von PETER STOLLENWERK, 11.01.06, 20:58h
WOLLSEIFEN / STECKENBORN. Die kleinste der drei Glocken in Steckenborn stammt aus der Pfarrkirche St. Rochus, die sich in den zurückliegenden 60 Jahren wie eine Festung auf dem bisherigen Truppenübungsplatz Vogelsang, jetzt Nationalpark, behauptet hat. Jetzt, nachdem sich die Welt rund um Vogelsang verändert hat, denken die Wollseifener auch wieder an die letzte Glocke von St. Rochus.
Nachdem die Wollseifener Bevölkerung im Spätsommer 1946 den Befehl erhielt, das Dorf binnen drei Wochen zu räumen, folgte die gezielte Zerstörung des verlassenen Dorfes durch die Amerikaner und Engländer; letztere waren die ersten Verwalter des Truppenübungsplatzes. Nur die Pfarrkirche und das kleine Schulgebäude wurden verschont.
Wollseifen wurde Übungsgelände. In den 80er Jahren setzte das belgische Militär hässliche Kalksandsteinhäuser entlang der früheren Dorfstraße, um den Häuserkampf zu üben.
In den turbulenten Wochen der Räumung behielt der damalige Wollseifener Küster Peter Thönnessen die Übersicht. Er sorgte dafür, dass die Ausstattung des Gotteshauses nicht in die Hände des Militärs fiel und damit vor der drohenden Zerstörung bewahrt wurden. Die Monstranz und die Kirchenbänke zum Beispiel landeten nur wenige Kilometer weiter in Einruhr, wo für die völlig zerstörte Kirche ein Ersatzbau geschaffen wurde. Die Orgel kam zunächst nach Simmerath, später nach Rollesbroich, und die Glocke aus einer der ältesten Kirchen der Gegend wurde nach Steckenborn geschafft.
Wollseifen besaß zum Kriegsende nur noch eine Glocke von ehemals dreien. Die beiden anderen Glocken waren für Rüstungszwecke eingeschmolzen worden.
Als vor einigen Jahren die zivile Nutzung von Vogelsang und damit auch der freie Zugang nach Wollseifen aktuell wurde, stellte sich auch die Frage nach der weiteren Nutzung der Kirche. Damals gab es eine erste Anfrage an die Pfarre Steckenborn, ob diese sich vorstellen könne, dass die Glocke wieder an ihren angestammten Platz zurückkehrt. Pastor Michael Stoffels zeigte sich grundsätzlich gesprächsbereit. Die Frage sei aber, wie das Projekt zu realisieren sei.
Der Klang der
alten Heimat
Er könne gut nachvollziehen, dass die Wollseifener nach wie vor eine enge Bindung zu ihrer Kirchenglocke hätten. „Das ist wie ein Stück Heimat. Ich könnte mir vorstellen, dass manche ältere Bürger noch heute den Klang ihrer Glocke im Ohr haben. Das vergisst man nicht. Damit wächst man auf.“
Innerhalb des Traditionsvereins Wollseifen befasst man sich in einem Arbeitskreis inzwischen konkret mit der weiteren Nutzung der früheren Pfarrkirche. Zur Zeit der Räumung lebten 550 Bewohner in Wollseifen; heute leben noch 180 von ihnen. Von den 124 Mitgliedern des Traditionsvereins stammen noch 100 aus Wollseifen.
Der heutige Vorsitzende Karl Heup (67) berichtet, dass man inzwischen offiziell einen Antrag für die Renovierung der Kirche als Gedenkstätte beim Land gestellt habe. Heup schätzt die Aussichten, an Fördermittel zu gelangen, als „recht gut“ ein.
| JETZT BESTELLEN! 4 Wochen Rundschau zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%. |
|
Anzeige
Anzeige