Von BIANCA POHLMANN, 13.02.06, 21:15h
Das Gefühl, nichts
wert zu sein
Mit einem Mal war sie wieder da, die Angst, die damals täglich empfunden wurde. Michael-Peter Schiltsky kennt es genau. Eine Filmszene, Gerüche - kleine Details reichen aus, um den 58-Jährigen - wie viele Betroffene - in die Zeit zurück zu versetzen, in der er das Knabenheim Westuffeln in Werl besuchte. An den Schmerz in der Wange, wenn einer der Diakone hineinkniff und den Jungen daran in die Luft hob. An die Demütigung, wenn ein Bettnässer das nasse Laken über den nackten Körper gelegt bekam, es so in die Waschküche tragen musste.
Lange wurden viele dieser Erinnerungen verdrängt, doch es sind keine Einzelfälle, wie der Journalist Peter Wensierski nachdrücklich betont. 3000 Heime gab es in den 60er Jahren in der Bundesrepublik, rund 200 000 Plätze standen zur Verfügung, recherchierte er in den vergangenen drei Jahren. Die Vielzahl der Fälle, die er aufdeckte, haben den Journalisten selbst überrascht. Vielen der Betroffenen wurde ein lebenslanger Makel aufgesetzt; mit Schlägen, Arbeit und Marienliedern sollten ihnen das Böse ausgetrieben werden. Und viele sind bis heute traumatisiert. Jetzt veröffentlichte Wensierski seine Recherchen in dem Buch „Schläge im Namen des Herrn“. Zwischen 600 000 und einer Million Betroffene wurden drei Jahrzehnte lang durch die Erziehungsanstalten geschleust. 80 Prozent dieser Kinder- und Jugendheime waren in kirchlicher Hand, davon wiederum rund die Hälfte in katholischer Obhut. Die Kinder, die dort landeten, galten den Nonnen, Patern und Diakonen oft als verlorene Seelen. „Sie vermittelten uns, wir seien es nicht wert, dass man sich mit uns beschäftige“, sagt Michael-Peter Schiltsky.
Die Gründe, die teilweise zur Einweisung ins Heim führten, waren geradezu nichtig. „Mädchen, die Mini-Röcke oder Hosen trugen, RocknRoll hören“, nennt Wensierski einige. Auf der einen Seite galten die Moralvorstellungen der Zeit als Maßstab, andererseits sollte modernen Einflüssen entgegengewirkt werden.
Michael-Peter Schiltsky war Halbwaise. Die Frau, bei der er untergebracht war, hatte nicht genug zu essen. 1957 gab seine Mutter ihn in dem evangelischen Kinderheim in Werl ab. Demütigungen und Schläge mit Stock und Lederriemen gehörten dort zum Alltag. Konflikte wurden gewalttätig gelöst, so lernte es der Teenager. „Es fehlt einem später jegliches Grundvertrauen, auch Menschen gegenüber, die einen lieben“, weiß er heute. Seine Frau und seine Kinder haben es zu spüren bekommen, wie es Angehörige ehemaliger Heimkinder häufig passiert. Sie halten trotzdem noch heute zu ihm, mit ihnen hat er es geschafft, die Vergangenheit aufzuarbeiten. Schiltsky ist erfolgreicher Künstler, hatte zwei Gastprofessuren, Werke von ihm stehen in mehreren deutschen Museen. Dennoch sagt ihm sein Gefühl auch heute noch manchmal: „Du bist niemand“.
Regina Eppert ist heute eine gestandene Frau, leitete mehrere Geschäfte. Bis 2003 hatte sie ihre Jugenderinnerungen verdrängt, auch mit ihrer Schwester nie darüber gesprochen. Sie war 18, verheiratet mit einem 20-Jährigen und Mutter einer kleinen Tochter, als das Jugendamt sie 1960 ins Heim einwies.
„Wir waren
nicht verkommen“
Eine gemeinsame Wohnung mit ihrem Mann hatte sie nicht. Zudem befand man die 18-Jährige als „unreif“ für die Ehe. So landeten Regina Eppert und ihre Schwester in dem katholischen Kinderheim in Dortmund. Für die Arbeit in der Näh- und Mangelstube waren sie reif genug. Das eigene Kind musste Eppert abgeben, sehen konnte sie es in der Woche nur heimlich. Zu Mutter und Ehemann hatte sie gar keinen Kontakt. Demütigungen und Züchtigungen gehörten auch zu ihrem Alltag. „Wir waren nicht verkommen, wir waren nicht verwahrlost. Man hat uns keine Chance gegeben“, sagt sie heute. Warum sie so lange geschwiegen habe, werde sie manchmal gefragt. „Auch als erwachsene Frau hatte ich so eine Angst.“ Heute setzt sie sich im Verein für ehemalige Heimkinder für deren Rechte ein: Dafür, dass die unentgeltliche Arbeit heute für die Rentenjahre mitangerechnet wird. Und dafür, dass ihre Geschichten gehört werden, damit Kindern so etwas nicht mehr angetan wird.
Die Nonnen, denen Regina Eppert wieder gegenüberstand, haben jegliche Verantwortung für ihr Handeln abgestritten. Regina Eppert hat ihre Geschichte aufgeschrieben und den Nonnen diese überreicht - damit das Verdrängen auf beiden Seiten ein Ende hat.
Peter Wensierski, Schläge im Namen des Herrn. Die verdrängte Geschichte der Heimkinder in der Bundesrepublik, DVA.
Verein ehemaliger Heimkinder e.V.: www.vehev.org
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22. April 2012,
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