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Kinderheim geht neue Wege

Von MARTINA WINDRATH, 14.02.06, 21:10h

Köln - Für den Verkauf des Kinderheims in Sülz signalisierte gestern die Mehrheit im Rat Grünes Licht. Vom Erlös - geschätzt 31 Millionen Euro - sollen mehr dezentrale Wohngruppen und ein neues Zentrum eingerichtet werden.

Für den Verkauf des Kinderheims in Sülz signalisierte gestern die Mehrheit im Rat Grünes Licht. Vom Erlös - geschätzt 31 Millionen Euro - sollen mehr dezentrale Wohngruppen und ein neues Zentrum eingerichtet werden.

„Selten, dass einmal fröhlicher Kinderlärm vom Spiel heraufscholl“, erinnerte sich der Kölner Heimatdichter Laurenz Kiesgen im 19. Jahrhundert an den Blick auf den Innenhof des Waisenhauses am Perlengraben. „Ernst und gemessen, in Reihen geführt, zogen die Jungen und Mädchen daher.“ Mittags löffelten sie ihre magere Suppe, auf der Straße gingen sie in dürftiger Kleidung und strenger Ordnung wie kleine Soldaten.

Die traurigen Zustände mit Kasernenhof-„Pädagogik“ und Anstaltsleben wie zu Oliver Twists Zeiten gehören der Vergangenheit an. Auch die Tage des sanierungsbedürftigen Kinderheims am Sülzgürtel sind gezählt, das dort an Stelle des 1913 errichteten und im Krieg zerstörten Vorgängerbaus in den 50er Jahren entstand. Wer das Heim besucht, trifft auf Kinderlärm und fußballspielende Pänz, bunte Bilder und engagierte Erzieher. In Kooperation mit Psychologen und Ämtern betreuen sie die Kinder in familiären Gruppen mit festen Regeln. „Die Kinder sind teils schwer gestört, der Vernachlässigungsgrad ist größer geworden“, weiß Kinderheims-Leiterin Lie Selter. Erzieher haben Etagen so wohnlich es geht gestaltet - doch die Deko im gekachelten Treppenhaus und von der Decke baumelnde Clowns können die Tristesse langer Flure nicht vertreiben.

Marode Gemäuer, undichte Fenster, Wasserrohrbrüche - darüber wird seit langem geklagt. Und „unerträglich“ findet Lie Selter, dass behinderte Kinder in oberen Stockwerken leben müssen - Gründe, die sie antrieben, schnell ein neues Kinderheim-Konzept zu forcieren, mit zeitgemäßer Pädagogik in kleinen Gruppen. Geld dafür soll mit dem Verkauf des Betriebseigentums der Heime hereinkommen; eine Generalsanierung hätte die Stadt rund 27 Millionen gekostet. 200 Kinder leben noch am Sülzgürtel, 80 in der Außenstelle Brück - nicht eingerechnet die elf Außengruppen in Wohnhäusern im Veedel. Wo früher 650 Jungs und Mädels im kargen Saal speisten, ist ein Caterer untergekommen. Nur ein Teil der Räume wird noch vom Heim genutzt, zwei Kitas, Schulen und die Seniorengemeinschaft gehören zu den Mietern.

„Das Heim hat Dorfcharakter“, beschreiben manche Sülzer das Gelände mit Kirche und viel Grün als Idyll. „Aber es ist auch eine Art Ghetto“, sagen andere mit Blick auf die Mauer drumherum und Häuserzeilen, die Assoziationen mit tristen Waisenhäusern wecken. Dabei sind Waisen längst sehr selten unter den Pänz. Oberstes Ziel ist die Rückkehr in die „Herkunftsfamilie“. Oft sind es Kinder von Eltern, die sie wegen Krankheit oder Sucht nicht betreuen können. Auch Missbrauch und andere Konflikte können Gründe für eine Heim-Unterbringung sein. Eine Säuglingsstation gibt es nicht mehr. Meist werden Babys schnell in Pflegefamilien untergebracht. „So wenig soziale Brüche wie möglich“ sollten die Kinder erleben. Geborgenheit in Häusern statt Heimen gehört dazu.



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