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Eine europäische Erinnerungskultur

Von NORBERT KLASCHKA, 03.09.06, 20:42h, aktualisiert 03.09.06, 20:45h

Nur wenige Stunden nach dem ersten Auftritt von Horst Köhler vor den deutschen Vertriebenen sprach der polnische Ministerpräsident Jaroslaw Kaczynski von einem „beunruhigenden Ereignis“.

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Horst Köhler, Erika Steinbach Otto Schily (v.l.n.r.).
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Horst Köhler, Erika Steinbach Otto Schily (v.l.n.r.).
BERLIN. Die Reaktion aus Polen kam prompt. Nur wenige Stunden nach dem ersten Auftritt von Bundespräsident Horst Köhler vor den deutschen Vertriebenen sprach der polnische Ministerpräsident Jaroslaw Kaczynski von einem „beunruhigenden Ereignis“. Die ungewöhnliche Kritik zeigt, wie fragil auch mehr als 60 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs das deutsch-polnische Verhältnis ist. Reden von Bundespräsidenten vor den Vertriebenen sind nichts ungewöhnliches. Das taten auch schon Köhlers Vorgänger. Zuletzt Johannes Rau 2003. Stärker aber als in früheren Jahren prägte in Berlin das sensible Verhältnis zum Nachbarn Polen den „Tag der Heimat“ des Bundes der Vertriebenen (BdV).

Alljährlich erinnert der BdV an das Schicksal Millionen Deutscher, die aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Doch dieser Tag erinnert ebenso an die Verbrechen Nazi-Deutschlands, ohne die es keine Vertreibungen gegeben hätte. Köhler bekräftigte, dass in Deutschland kein politisch Verantwortlicher die Geschichte umschreiben wolle und ließ keinen Zweifel daran, was die Ursache für die Vertreibung gewesen ist: das nationalsozialistische Unrechtsregime. Auch trat Köhler nicht als Befürworter des von BdV-Präsidentin Erika Steinbach seit Jahren verfolgten Projekts eines „Zentrum gegen Vertreibungen“ auf, vielmehr mahnte er, die Besorgnisse der Nachbarn nicht zu ignorieren.

Aber das Verhältnis zu Polen, das jahrelang auf einem guten Weg schien, ist auch Köhlers Thema. Bewusst zitierte er die „Danziger Erklärung“, mit der sein Vorgänger Rau und Polens damaliger Präsident Aleksander Kwasniewski im Oktober 2003 in ihrer historischen Versöhnungsgeste der Opfer gedachten und sich gegen ein Aufrechnen der Verbrechen und Verluste wandten. Dies sei ein Ausgangspunkt für Gespräche mit dem neuen polnischen Präsidenten Lech Kaczynski, sagte Köhler und fügte an: „Ich glaube, jetzt ist das noch dringlicher als vorher.“

Neuester Stein des Anstoßes ist die vom BdV initiierte Ausstellung „Erzwungene Wege - Flucht und Vertreibung im Europa des 20. Jahrhunderts“. Auf die ging Köhler nicht ein. Dafür setzte er einen Akzent auf eine europäische Erinnerungskultur. Junge Deutsche sollten gemeinsam mit ihren Altersgenossen aus ganz Europa an einem besseren Miteinander bauen. „Und deshalb ist es auch gut, wenn Fußballfans erklären können, warum eigentlich der deutschen Fußball-Nationalmannschaft 2006 mit Miroslav Klose und Lukas Podolski zwei gebürtige Polen angehörten.“ (dpa)



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