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Hauptsache, die Barthaare sind frei

Von STEFAN VOLBERG, 15.10.06, 21:27h, aktualisiert 16.10.06, 09:03h

Köln - Wie finden Seehunde ihre Nahrung im trüben Wasser oder im Dunkeln? Seehundeforscher im Kölner Zoo gewannen neue Erkenntnisse über die Orientierungsfähigkeit der Tiere.

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Seehunde aus dem Kölner Zoo beteiligen sich an einem Forschungsprojekt.
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Seehunde aus dem Kölner Zoo beteiligen sich an einem Forschungsprojekt.
Ultraschall wie etwa die Delphine können Seehunde zur Orientierung unter Wasser nicht nutzen - sie besitzen ein entsprechendes Sinnesorgan überhaupt nicht. Wie aber finden Seehunde dann beispielsweise ihre Nahrung auch im trüben Wasser oder im Dunkeln? Selbst blinde Seehunde finden sich zurecht und sind dafür nicht auf optische Information angewiesen, wie man weiß. Ihr Geheimnis: ein System von rund 100 Barthaaren („Vibrissen“), die eine geradezu unglaublich feinfühlige Orientierung ermöglichen.

Insgesamt zwölf Wissenschaftler von der Ruhr-Universität Bochum gehen seit sieben Jahren diesem und anderen sensorischen und kognitiven Phänomenen bei den Seehunden systematisch nach, und Projektleiter Dr. Guido Dehnhardt hofft, dass er die experimentelle Forschung noch lange fortführen kann: „Das ist ein weites Feld, weil man damit auf ein ganz neues Wahrnehmungssystem stößt, das sich dem Menschen aus eigener Erfahrung nicht erschließt.“

So können diese Vibrissen, die auch andere Meeressäuger besitzen, nicht nur durch direkten Kontakt Informationen über andere Objekte vermitteln. „Kleinste Spuren von Wasserbewegung, wie sie etwa Fische hinterlassen haben, lassen sich noch Minuten später von den Seehunden mühelos aufspüren“, wissen Dehnhardt und seine Kollegen.

Winzige Spuren von weniger als einem tausendstel Millimeter reichen dafür aus. Seehunde können die Urheber leicht nachverfolgen, selbst wenn die Augen und Ohren verdeckt sind und nichts wahrnehmen können: Hauptsache, die Barthaare sind frei. Dabei sind die Tiere nicht nur mit größter Präzision, sondern auch mit sichtlicher Begeisterung bei der (wissenschaftlichen) Arbeit. Im Experiment, das im Kölner Zoo in der früheren Eisbärenanlage vor den Augen aller Besucher abläuft, werden übrigens die Bewegungsspuren im Wasser durch Modell-U-Boote erzeugt.

Die Vibrissen sind mit rund zehnmal so vielen Nerven durchzogen (rund 1500) wie etwa die Schnurrbarthaare einer Katze. Zu welchen sensiblen Sinnesleistungen Seehunde damit fähig sind, sollen weitere Experimente klären. „So ist ja auch wichtig zu wissen, wer sich da durchs Wasser bewegt hat“, erläutert Dehnhardt das Projekt, für das der Zoo lediglich das Wasserbecken zur Verfügung stellt und das von der konzernunabhängigen VW-Stiftung finanziert wird. Die neun Tiere gehören beispielsweise dem Projektleiter selbst.

Ganz anderen Ansätzen gehen die Forscher etwa im „Planetarium“ nach, das die Seehunde besonders lieben. Dort geht es darum, wie sich die beliebten Tiere großräumig auf See orientieren. Man weiß etwa, dass sich die kurzsichtigen Seehunde nur nach markanten Stellen am Himmel richten.

Die Seehunde haben einen Vorteil, der für die Forschung wie auch emotional gleichermaßen angenehm ist. Schon im Alter von wenigen Wochen (Junior Filou ist gerade drei Monate alt) können die gelehrigen Tiere bei den Versuchen mitmachen, und sie bleiben noch bis ins hohe Alter von 40 Jahren lernfähig und aktiv. Neugier ist eben ein guter Jungbrunnen.



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