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Gemünder im Einsatz für „faire“ Steine

Von GUDRUN KLINKHAMMER, 04.11.06, 07:07h

„Angekommen in der Steinzeit“, dachte Dr. Herbert Kaefer, als er die staubige Erde unter seinen Füßen betrat, während die Sonne vom Himmel brannte. Im vergangenen November reiste der Gemünder im Rahmen eines Misereor-Projektes in die Steinbrüche Indiens.

„Angekommen in der Steinzeit“, dachte Dr. Herbert Kaefer, als er die staubige Erde unter seinen Füßen betrat, während die Sonne vom Himmel brannte. Im vergangenen November reiste der Gemünder im Rahmen eines Misereor-Projektes in die Steinbrüche Indiens.

GEMÜND / INDIEN. Die Unterschiede zur Heimat schildert Dr. Herbert Kaefer als eigentlich nicht mehr zu toppen: In Bangalore angekommen, überwältigte ihn zunächst die ausufernde Technologiepräsenz und der industrielle Glanz einer Sechs-Millionen-Stadt.

„Am Rande von Bangalore, der Hauptstadt des indischen Bundesstaates Karnataka, befinden sich 95 Prozent der indischen Steinbrüche“, berichtet Dr. Herbert Kaefer. In diesen Steinbrüchen arbeiten rund 30 000 Menschen, darunter viele Kinder, in erbärmlichsten Verhältnissen. Gearbeitet wird hauptsächlich mit Hammer und Meißel, Kinder arbeiten mit kleinen Hämmern. Eine Kanalisation gibt es nicht, es gibt keine Sicherheitsmaßnahmen. Vor Steinstaub schützen kleine und große Lungen, wenn überhaupt, einfache Tücher. Wird nicht mit Hammer und Meißel vorgegangen, sondern gesprengt, wird in Sprenglöcher Schwarzpulver gefüllt und festgeklopft. Dabei kommt es leicht zu Unfällen, bei denen Finger weggerissen werden.

Die Marmorsteinbrüche sind fast immer von den Besitzern abgesperrt und von Sicherheitsdiensten bewacht. Der Marmor ist überwiegend für den Export bestimmt, zwei Drittel der deutschen Grabsteine kommen aus Indien. Manche Granitsteinbrüche dagegen sind frei zugänglich. Aus den Granitsteinen werden ebenfalls Grabsteine gefertigt, doch dienen diese Steine auch der Herstellung von Bruchsteinmauern oder der Produktion von Schotter für den Straßenbau.

Misereor und die Vereinigung Qawrids haben sich der Zustände in den indischen Steinbrüchen angenommen. Sie kümmern sich um die Belange der betroffenen Menschen, die in einer Art Schuldknechtschaft leben, aus der sie wie aus einem Teufelskreis aus eigener Kraft in der Regel nicht mehr herauskommen. Vor etwa einem Jahr wurde zudem der Verein „Xertifix“ ins Leben gerufen, der die Arbeiten überprüft. Der Vorsitzende von „Xertifix“ ist der ehemalige Arbeitsminister Norbert Blüm, weitere Mitglieder der rund 20-köpfigen Gruppe sind der Schauspieler Klaus Maria Brandauer, Misereor-Chef Josef Sayer, ein Vorstandsmitglied der Gewerkschaft „Bau, Steine, Erden“ und ein Vertreter der Steinmetze. Und eben der 68-jährige Gemünder Priester Dr. Herbert Kaefer.

Ziel ist, dass möglichst viele Steine ein Siegel erhalten: „Siegel für Grabsteine ohne Kinderarbeit“. In den kommenden Wochen ist der Beginn der Vergabe des Siegelzeichens geplant, Anfang kommenden Jahres sollen die ersten Steine mit entsprechenden Siegeln in Deutschland eintreffen. Dazu gehört, dass möglichst viele der 200 Steinbrüche rund um Bangalore aus der privaten Bewirtschaftung herausgelöst und an örtliche Genossenschaften übergeben werden. Die Mitarbeiter von 19 Steinbrüchen haben diese „Befreiung“ bereits geschafft.

Kinderarbeit gibt es in diesen Steinbrüchen nicht mehr, stattdessen wurde in der Nähe eine Schule - für Kinder und Eltern - gebaut. Für weitere 39 Steinbrüche ist der Umbruch in Sicht. Je mehr die Arbeiter in die Selbständigkeit geführt werden, desto mehr blüht deren Interesse und Engagement. Unterschrieben die Mitarbeiter vor einigen Jahren noch Schuldscheine mit einem Fingerabdruck und schufteten mit sämtlichen Familienmitgliedern von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang zwischen den Felsen, haben die Arbeiter inzwischen die Verantwortung für den jeweiligen Betrieb übernommen.



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