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Bären auf dünnem Eis

Von JENS P. DORNER, 07.11.06, 19:32h, aktualisiert 07.11.06, 19:33h

Der Eisbär ist das Symbol der Arktis. Ein sehr bedrohtes allerdings. Wenn die Entwicklungen so weitergehen, wird es das Tier in etwa 70 Jahren nur noch im Zoo zu bestaunen geben.

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Befürchtet wird, dass Eisbären in Zukunft nur noch in Zoos überleben.
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Befürchtet wird, dass Eisbären in Zukunft nur noch in Zoos überleben.
MOSKAU. „Der Eisbär ist das Symbol der Arktis.“ Ein sehr bedrohtes, wie Alexej Kokorin betont. „Im schlimmsten Fall finden wir es ab 2076 nur noch im Zoo.“

Seit sieben Jahren organisiert Kokorin den Naturschutz in Russland für den World-Wildlife-Fund. Zuvor erforschte der Physiker das Klima am Baikalsee und löste Umweltaufgaben der Vereinten Nationen. Nicht zuletzt bewirkte er als Leiter des WWF- Klimaprogramms, dass Wladimir Putin nach langem Zögern das Kyoto- Protokoll doch noch unterschrieb. Für das Wappentier des hohen Nordens kommt es vielleicht schon zu spät.

„Theoretisch sind Eisbären anpassungsfähig“, weiß Experte Kokorin. „Ein paar Grad mehr oder weniger vertragen sie leicht.“ Praktisch aber ist das gewaltige Tier überfordert. In der westlichen Arktis schrumpfte seit den sechziger Jahren die Eisfläche um ein gutes Drittel. „Im östlichen Sektor um das russische Tschukotka und das amerikanische Alaska sind es zwar erst zehn Prozent, doch hier geht es schneller.“ Satellitenbilder liefern in jedem September den klaren Beweis. Außerdem werden immer mehr Bärenkadaver an der Schnittstelle beider Kontinente entdeckt. „Sie sind oft Opfer von zu schwachem Eis.“

Obwohl er über acht Stunden im eiskalten und sogar sturmgepeitschten Meer schwimmen kann, braucht der Bär anschließend eine stabile Scholle. „Heute trägt das meiste Treibeis höchstens noch Robben. Für ihren tonnenschweren, natürlichen Jäger ist es einfach zu dünn.“ Aktuell wird die Zahl der Eisbären in der östlichen Arktis auf noch 7000 und insgesamt auf 20 000 geschätzt. Auch der Nachwuchs ist rundum gefährdet. Kokorin: „Nirgendwo in der Arktis werden so viele Eisbären geboren wie im Januar auf der russischen Wrangel-Insel. Weil hier aber durch den Klimawechsel mit dem Eis die Robben verschwinden, schaffen Muttertiere nicht genug Futter herbei. Sie müssen immer entfernter jagen und lassen die hungernden Jungen allein.“

Eine breite Wanderbewegung registriert der WWF von der östlichen in die westliche Arktis. Auf ihrer Suche nach mehr Robben und Eis nehmen die zotteligen Jäger vermehrt die Halbinsel Taimyr an der Laptewsee ins Visier. „Hier kommen sie in Siedlungen, wo sie zuvor nie waren.“ Weil die im Mai und Juni besonders schweren Tiere Menschen nicht von Robben unterscheiden, ist die Begegnung für beide Seiten riskant. In angestammten Territorien lernte die Bevölkerung über Generationen den richtigen Umgang mit den Eisbären. Nun aber hat ein Bär auf Taimyr ein Mädchen getötet. Die Anwohner greifen jetzt sofort zum Gewehr.

In den nächsten fünfzig Jahre bleibt für Kokorin das Schrumpfen des Eises programmiert - trotz des Kyoto-Protokolls und weiterer Bemühungen um den Klimaschutz. Allein extrem kalte Winter könnten „die größte Eisbär-Entbindungsstation“ auf der Wrangel-Insel noch retten. Um so wichtiger sei die Suche nach Alternativen. „Sowas kostet natürlich Geld.“

Ziel müsse sein, dass ein Bestand von vielleicht 15 000 Eisbären nach einem halben Jahrhundert noch existiert. Gerettet wären sie dann keineswegs. „Wird der Treibhauseffekt ungehemmt fortgesetzt, bescheinigt jede mathematische Formel den Untergang.“ Ein weltweiter Temperaturanstieg von drei Grad heißt zehn Grad mehr für die Arktis. „Nur fünf Grad mehr wären ideal“, sagt Kokorin. Für das Eis, die Robben und die Bären.



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