Von ROLF-R. HAMACHER, 12.12.06, 19:48h, aktualisiert 12.12.06, 19:49h
Denn nachdem er in „Die Passion Christi“ die „größte Geschichte aller Zeiten“ erzählt hatte, schildert er nun in „Apocalypto“ mit einem 50-Millionen-Dollar-Budget eine auf fast zweieinhalb Stunden gestreckte Verfolgungsjagd durchs Maya-Land des 16. Jahrhunderts. Genauso atemlos wie Dean Semlers beeindruckend geführte Kamera durch den Urwald rast, hetzen seine Protagonisten auf der Flucht vor feindlichen Kriegern und blutrünstigen Raubkatzen durchs grüne Dickicht.
Urwald-Idyll und Menschenopfer
Aber erst einmal bedient Gibson geschickt die Topoi des Genres. Es beginnt mit dem Urwald-Idyll einer Maya-Gemeinde. Dazu gehört der junge „Pranke des Jaguars“ (Rudy Youngblood) mit schwangerer Frau und kleinem Sohn. Bis eines Tages die Holcane-Krieger unter ihrem Führer „Leitwolf“ über sie herfallen und in die Tempelstadt entführen. Dort werden die Frauen auf dem Sklavenmarkt verkauft, und die Männer den zürnenden Göttern geopfert.
Eine plötzlich aufkommende Sonnenfinsternis rettet „Jaguar-Pranke“ vorläufig das Leben, das ihm geschenkt werden soll, wenn er dem Todes-Spiel der Holcane-Krieger entkommt. Schwerverletzt schleppt sich „Jaguar-Pranke“ in den Dschungel und versucht, verfolgt von dem wortbrüchigen „Leitwolf“, sein Dorf zu erreichen, wo er die Familie in einer Grube versteckt hatte...
Natürlich versetzt einen diese mit allen technischen Mitteln des zeitgenössischen Kinos inszenierte Verfolgungsjagd in Hochspannung. Aber eigentlich könnte sie überall und jederzeit stattfinden. Ob man in Großaufnahme sehen muss, wie ein Panther einen Indianer-Schädel zermalmt, Herzen herausgerissen werden und Blutfontänen aus Wunden sprudeln, ist mehr als fraglich. Das Leiden des menschlichen Körpers wird hier so exzessiv ausgespielt, dass die Grenzen zum Voyeurismus fließend sind.
So akribisch hätte man sich Gibson, der seinen Film überwiegend mit indianischstämmigen Darstellern gedreht hat, auch bei den historischen Recherchen gewünscht. Aber von der Kultur der Mayas erfahren wir rein gar nichts. Im Gegenteil, Gibson stellt die Angehörigen der präkolumbischen Hochkultur als blutgierige Wilde dar, was in Amerika auf herbe Kritik bei Maya-Forschern und Nachfahren der Ureinwohner stößt.
Die Entscheidung, die Dialoge in Mayathan sprechen zu lassen - und weltweit nur Untertitel zuzulassen - soll eine Authentizität vortäuschen, die der Film nicht einlöst. Dass am Ende kurz die Landung der Spanier ins Bild kommt, kann als allzu platter Verweis auf die politisch aktuelle „Rettung von außen“ verstanden werden. So will der Regisseur sein Heimatland warnen vor dem dekadenten Ende, das alle Weltreiche genommen haben sollen. Doch auf Gibsons verquaste Botschaften kann man verzichten, den charismatischen Hauptdarsteller Youngblood wünscht man sich allerdings bald wiederzusehen.
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22. April 2012,
E-Werk Köln