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Das neue Wir-Gefühl

Von BERND STADELMANN, 18.03.07, 20:07h

Mit einem Brandbrief baten Lehrer der Berliner Hauptschule 2006 um Hilfe; Gewalt bestimmte ihren Alltag. Mit Direktor Aleksander Dzembrintzki kehrt Struktur ein. Stolz entwerfen die Schüler heute eigene Rütli-Shirts.

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Die Rütli-Hauptschule (Archivfoto vom 30.03.2006).
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Die Rütli-Hauptschule (Archivfoto vom 30.03.2006).
Ein Aufschrei ging durchs Land, als die Missstände bekannt wurden. Ausgelöst wurde das Beben durch einen Brandbrief des Lehrerkollegiums, der Schulaufsicht und den Senat über die Zustände an der Neuköllner Anstalt informierte: über Bandenkriege zwischen Türken und Arabern, über Attacken gegen die wenigen deutschen Schüler, die „Schweinefleischfresser“ genannt wurden, über Gewalt gegen Sachen, Gewalt gegen Lehrer. Acht Wochen blieb der Brief unbeantwortet, dann erfuhr die Presse davon. Seither ist der Name der Schule zum Synonym geworden. Rütli - das heißt Versagen, Multikulti und Scherbenhaufen, Zuwanderungschaos und Integrationswirrwarr.

Fast ein Jahr ist das nun her. Und: Vieles hat sich geändert. Die Rütli-Schule will am 30. März, sozusagen zum einjährigen Jubiläum des beispiellosen Aufruhrs, einen Tag der offenen Tür veranstalten. Eltern und Anwohner, Politiker und Reporter sollen sich davon überzeugen, dass ein neuer Geist in dem alten Gemäuer herrscht, dass Ordnung, Disziplin, ja sogar ein gewisser Stolz, eine Art Wir-Gefühl zurückgekehrt sind. Das ist eine kleine Sensation. Aus den Fugen geraten war hier eine Hauptschule, für die sich monatelang kein Rektor fand, in die die Lehrer zwangsweise versetzt und meist aus dem „Personalüberhang“ im Osten herbei beordert wurden. Doch nach einer Kraftanstrengung ohnegleichen präsentiert der neue Rektor sein Haus der Öffentlichkeit.

Unter dem Druck von unten sind die Behörden tätig geworden. Der Bildungssenator, inzwischen ausgetauscht, hat einen neuen, fähigen Rektor eingesetzt, nachdem sich monatelang kein Schulleiter finden ließ. Auch neue Lehrer sind da. Lehrer, die sich die Schule heute aussuchen kann und die sich der Herausforderung stellen wollten. Ganz einfach ist es noch immer nicht: „Wir leben nicht im Paradies“, sagt einer, „und das Übergewicht ausländischer Schüler ist natürlich immer noch da. Aber denen ist inzwischen Benehmen beigebracht worden. Jedenfalls wissen sie heute, was man darf und was verboten ist.“

Am Sandsack toben sich die Schüler aus

Dafür hat der neue Schulleiter Aleksander Dzembritzki ein festes Regelwerk aufgebaut. Er kann sich auf zwei Sozialarbeiter stützen und, wenn notwendig, auch auf die Staatsmacht. Wer als Schulverweigerer auffällt, wird der Polizei gemeldet. Auch gewalttätige Auseinandersetzungen, Schmierereien und eingeworfene Fensterscheiben werden sofort angezeigt. Inzwischen muss die Polizei so gut wie gar nicht mehr einschreiten. Aber auf andere Weise ist sie präsent. Ein Trainer vom Polizeisportverein gibt Boxunterricht. Hier können sich die Schüler austoben - am Sandsack und im Ring. Aber es gilt: Wer nicht pünktlich zum Unterricht erscheint, darf nicht mitmachen. Wer unfair boxt, wer den Sandsack mit Füßen statt mit Fäusten bearbeitet, bekommt Zoff.

Auf dem Pausenhof tragen viele Schüler unter der Jacke ein farbiges T-Shirt mit dem Logo: RÜTLI. Amir sagt: „Vor einem Jahr habe ich mich noch ein bisschen geschämt. Rütli war Abschaum. Heute finde ich es gut hier. Das Rütli-Shirt finden die meisten geil.“ Hergestellt wird das Shirt in Eigenarbeit. In der „Croissanterie“ um die Ecke und im Internet wird es verkauft. Es gibt auch andere Arbeitsgemeinschaften. Eine Foto und Video-AG gilt als äußerst beliebt, gut besucht wird eine Kletter-AG und eine neue Tanzgruppe nennt sich Young Americans.

Es gibt sogar ein Buch über die Rütli-Schule, doch das hat vor allem mit der Vergangenheit, nicht mit der veränderten Gegenwart zu tun. Die langjährige frühere Rütli-Rektorin Brigitte Pick hat es auf den Markt gebracht. Sie war bereits acht Monate pensioniert, als der Skandal an ihrer ehemaligen Schule aufflog. Solange sie das Sagen hatte, war - wie eine Lehrerin erzählt - „ein offener Umgang mit den Problemen nicht möglich.“

Das hatte Gründe. In ihrem Buch „Kopfschüsse“ kann man nachlesen, dass die Jugendlichen vor allem aus Verzweiflung aggressiv sind, alle Opfer der Verhältnisse und niemand Täter. „Als wir 1968 versucht haben, Demokratie in allen gesellschaftlichen Bereichen durchzusetzen, da hatten wir mit roten Fahnen Provokation hervorgerufen und Aufbruch angekündigt. Als Leiterin der Schule wollte ich verantwortlich sein für ein freiheitliches Leben und Lernen. Nach 37 Jahren in der Schule weiß ich nunmehr, dass sich nichts ändert, weil sich nichts ändern soll.“

Zu dem Buch will Rektor Dzembritzki nichts sagen. „Ich sehe das ein bisschen anders.“ Keine Schlagzeilen, keine Presse, die Rückkehr zur Normaltät - darum geht es ihm. Interviews über seine Arbeit hat er kategorisch abgelehnt, auch die anderen Pädagogen sind zurückhaltend. Karin Dörschel, die bis April an der Rütli-Schule unterrichtet hat, bedauert inzwischen, das sie nicht mehr dabei ist. „Früher hatte ich morgens Angst. Jetzt würde ich gern dazu gehören.“ Rütli hat einen neuen Ruf.



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