Von BIANCA POHLMANN, 04.04.07, 21:49h
„Baum ist Baum“, sagt Annemarie Pförtner ganz sachlich, als Förster Peter Wohlleben fragt, wo ihrer denn stehen soll. Das Ehepaar vom Niederrhein ist nicht zum ersten Mal in der Eifel. Schon im Winter waren sie hier spazieren, um eine Idee davon zu bekommen, wie eigentlich so ein „Friedhofs-Wald“ aussieht. Und stellten fest: Wie ein ganz normaler Laubwald eben. Vom Weg aus ist nicht zu erkennen, dass hier die Asche von rund 750 Menschen liegt. Erst wenn man in den Wald hinein geht, sieht man sie: Die kleinen Plaketten mit Nummern an den Baumstämmen und Baumstümpfen. Und an einigen auch Scheckkarten-große Platten. Mal steht einfach nur ein Name darauf, mal mehrere. Auf manchen sind Lebensdaten zu lesen, auf anderen ist ein Kreuz eingraviert.
Es gibt viele Gründe, sich für eine Naturbestattung zu enstcheiden, weiß der Förster. Die von Wolfgang und Annemarie Pförtner spiegeln die Argumente vieler wider. „Wir haben uns seit gut einem dreiviertel Jahr Gedanken gemacht“, erzählen die beiden 66-Jährigen. Im Kegelverein kam das Gespräch auf diese Art der Bestattung. Wenn die Kinder wegziehen, wer übernimmt dann die Grabpflege, darüber diskutierten sie. „Unsere Tochter ist schon über 40. Ob sie das später machen kann, wer weiß das schon“, sagen die Pförtners. Ein Grab, das ist ihnen zu aufwendig. Aber es soll eine Grabstätte geben, die ihre Tochter besuchen kann. Das Paar hat konkrete Vorstellungen. Im Todesfall soll es zuhause in der Kirche eine Messe geben, die Beisetzung im Wald soll dann im Familienkreis erfolgen. „Es ist in der Natur, unsere Tochter kann hier hinfahren, den Baum besuchen“, das gefällt den Rentnern.
Auch der Preis spielt oft eine Rolle. Ein Einzelgrab ist - je nach Dicke des Baumes und des Holzwertes - ab 500 Euro zu haben, für 99 Jahre. Ein eigener Baum für bis zu zehn Personen aus Familie oder Freundeskreis kostet insgesamt ab 2900 Euro. Allein die Gebühren für eine Grabstätte für 25 bis 30 Jahre auf einem „normalen“ Friedhof summieren sich dagegen schnell auf rund 3000 Euro.
Gab es Anfangs eine gewisse Skepsis gegenüber der Bestattung im Wald, so merkt Förster Peter Wohlleben, dass sich die Einstellung vieler Menschen mittlerweile wandelt. „Sie sehen einfach, dass es ein schöner, romantischer Friedhof ist.“ Am Wochenende beobachtet er Familien, die mit Kind und Hund einen Ausflug machen - zum Grab der Großeltern. „Da wird zwischen den Bäumen schon mal Verstecken gespielt“, ein unbefangener Umgang. Einmal im Jahr besucht ein Motorradfahrer seinen Freund, der hier begraben liegt. In Lederkluft setzt er sich mit einem Bier an den Baum, stößt quasi mit seinem Freund an. Gedenken, ein bisschen anders. So wie die Familie, die sich bei der Beisetzung der Oma am Baum einen Cappuccino gönnte. Den mochte die nämlich so gern, es gab es ihn bei jedem Besuch. Das Konzept hat auch zehn Freunde begeistert, die mittlerweile verstreut voneinander leben, der weit entfernteste in Kanada. Im Tod, haben sie beschlossen, wollen sie wieder vereint sein. Und haben sich schon einmal einen gemeinsamen Baum gekauft. Bestattungen können, müssen aber nicht gefeiert werden. Sowohl durch evangelische als auch katholische Pfarrer wird in Hümmel beigesetzt, der RuheForst gehört zum Bistum Trier, das dies erlaubt (siehe unten).
Das Ehepaar Pförtner ist an Baum 640 angekommen. Eine junge Buche, deren Krone sich in den nächsten 99 Jahren noch durch die der anderen hindurchkämpfen muss. Stattdessen trägt der Baum weiter unten viele kleine Zweige. „Im Frühjahr, wenn sie austreiben, sieht das ganz toll aus“, sagt Wohlleben. In der Nähe liegt seit Jahrzehnten eine umgekippte Buche. Und sie wird liegen bleiben, hier wird nicht „aufgeräumt“. „Die Stelle kann man gut wiederfinden.“ Die Pförtners haben ihre Entscheidung getroffen. Es ist ihrer. Und damit ist er eben nicht mehr nur irgendein Baum.
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