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Angekommen an der Nahtstelle

Von JENS MEIFERT, 12.04.07, 21:59h

Der 17-jährige Erdinc H. hat es als „Koma-Schläger“ zu trauriger Berühmtheit gebracht. An Weiberfastnacht prügelte der Intensivtäter Waldemar W. bewusstlos. Jetzt arbeitet er an seinem ersten Schweißerschein.

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Erdinc H. arbeitet jetzt an seinem ersten Schweißerschein. Jetzt, wo er einen geregelten Tagesablauf hat im Krefelder Fichtenhain: Frühstück in der Wohngruppe, um 8 Uhr Schule, nach dem Mittag rüber in die Schweißerei, die nur ein paar Schritte über den Hof entfernt liegt. Um 16.30 Uhr ist Feierabend. „Ich glaube und hoffe, dass er weiß: Das hier ist seine letzte Chance“, sagt Heimleiterin Sabine Kaul.

Der 17-jährige Kölner hat es als „Koma-Schläger“ zu trauriger Berühmtheit gebracht. An Weiberfastnacht prügelt der Intensivtäter im Stadtteil Ostheim so lange auf den 43-jährigen Waldemar W. ein, bis dieser bewusstlos zu Boden ging. Die Kinder im Alter von vier bis elf Jahren mussten die Tat mit ansehen. Als das Opfer, einen Monat später aus dem Koma erwachte, setzte der Haftrichter Erdinc H. bis zur Gerichtsverhandlung auf freien Fuß. Mit der Auflage, ihn in einem Heim unterzubringen.

Den Wohngruppen- und Ausbildungsverbund Fichtenhain gibt es schon seit über 100 Jahren. Die Ziegelbauten haben hübsche Türme und Erker und reihen sich um eine parkähnliche Rasenfläche. 53 Jugendliche leben in den acht Wohngruppen, teils auf dem Gelände, teils in Außenhäusern einige Kilometer entfernt. Auch Erdinc H. fährt aus seiner Gruppe jeden Morgen die sieben Kilometer zur Schule. Im Bus, gemeinsam mit sechs Mitbewohnern und einem Erzieher. „Dass Jugendliche einfach abhauen, ist nicht das Problem“, sagt Kaul. „Diese Dummheit machen die nicht.“

Der 17-Jährige ist der einzige „Heim-statt-U-Haft“-Jugendliche im Fichtenhain. Zwar gibt es in der Einrichtung keine Zäune, aber H. darf nur in Begleitung eines Erziehers die Gruppe verlassen. Um 22 Uhr gehts auf die Zimmer, und am Wochenende ist eine Radtour oder ein Kinobesuch drin - in der Gruppe. „Waldemar W. lernt langsam wieder sprechen, während Erdinc H. bowlen übt“, schimpfte kürzlich ein User in einem Internetforum. „Es nützt der Gesellschaft doch nichts, wenn wir uns nicht um solche Jugendliche kümmern“, antwortet Kaul. Außerdem stimme das mit dem Bowlen nicht.

Die 55-Jährige arbeitet seit 30 Jahren in der Heimerziehung. In ihrem Büro hängen Janosch-Bilder und Fotos von zotteligen Hunden an den Wänden. Auf der Fensterbank steht eine kleine Tigerente. Sabine Kaul glaubt an das Gute im Menschen, daran, dass jeder eine neue Chance verdient hat. Sie sagt: „Es mag hoffnungslose Fälle geben, ich habe sie aber noch nicht hier gehabt.“

Am Tag der Haftentlassung sprachen zwei Mitarbeiter aus dem Fichtenhain mit H. „Wir nehmen die Jugendlichen ja nicht blind auf.“ Eine Stunde dauerte das Gespräch in Köln, und es sei ein „ehrliches Bemühen“ erkennbar gewesen. Kaul sagt auch: „Das ist eine Einschätzung. Nicht mehr und nicht weniger.“

Natürlich kennt die Heimleiterin die Geschichte dieses „Schützlings“, wie sie ihn manchmal nennt. Dass er ganze Akten füllt bei der Polizei, dass die Staatsanwaltschaft wütend Beschwerde gegen die Entlassung aus der U-Haft eingelegt hat, dass bis heute niemand weiß, ob Waldemar W. wieder je ein normales Leben führen wird. Und sie kennt die Rechnungen, was ein Tag Fichtenhain kostet: 190,52 Euro pro Bewohner, plus Taschengeld. Bei H. sind es 60 Euro im Monat. „Er reflektiert, was da passiert ist“, sagt sie, und: „Wenn wir nur die Taten sehen, kommen wir hier nicht weiter. Sie können nicht mit Abscheu erziehen.“ Der Kölner Gerichtssprecher Jürgen Mannebeck hat das so ausgedrückt: „Nach einem Jahr U-Haft hätte er seine Schlagtechnik verbessert. Mehr aber nicht.“

Auch Sabine Kaul spricht lieber über die Perspektiven. Also zeigt sie die Werkstätten: die Schlosserei, die Schreinerei. Die Jugendlichen sollen hier Ausbildungen abschließen, zumindest Hilfsbriefe. „Wir sind ja keine eigene Welt.“ Es soll auch ein Leben nach dem Fichtenhain geben.

Und das soll möglichst wenig mit dem davor zu tun haben. Mit den alten Kumpanen von H. etwa, der Gang aus Ostheim, die im Internet seltsame Dinge über das „Blut der Gernsheimer Straße“ von sich gibt. Erdinc H. hat nun kein Handy mehr. „Wir versuchen diese Kontakte zu kappen“, sagt Kaul. Er habe auch die Auflage, sich da fern zu halten.“ Bestätigung soll er nun erfahren aus gelungenen Schweißnähten und harmonischen Metallverbindungen. Mit handwerklichen Aufgaben seien viele der so genannten Problemkinder zu „packen“.

Erdinc H. hat übrigens noch keinen Schweißerschein gemacht. „Dann wäre er ja ein Überflieger.“



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