Von RAIMUND NEUSS, 13.04.07, 18:55h, aktualisiert 13.04.07, 21:26h
Beispielloser Schritt für einen Papst
Ganze zwei Seiten braucht der Papst in seinem neuen Buch „Jesus von Nazareth“ für diesen Gedankengang. Die „bayerische Rauflust“, die sein Doktorvater ihm einst attestierte, sie hat Ratzinger nicht verlassen. Als Papst steht es ihm an, sich mit dem Teufel anzulegen, auch wenn er schon vor seiner Wahl „auf den Bischofssitz zu Rom“ an dem Buch gearbeitet hat. Es enthält keine lehramtlichen Aussagen, sondern persönliche Auffassungen, zu deren Kritik der Papst einlädt. Für sein Buch beansprucht er keinen anderen Rang als für Arbeiten anderer Theologen: ein beispielloser Schritt für einen Papst.
Allenfalls in einem Detail mag man die Spuren des neuen Amtes erkennen. Wer nach den Kriterien Ratzingers auf der Seite des Antichristen steht, das müssen die Betroffenen schon selbst erkennen; anders als in früheren Büchern kritisiert er nur wenige Autoren namentlich. Zu ihnen gehört der Protestant Rudolf Bultmann (1884-1976), der die historische Gestalt Jesus von Nazareth vom Christus der Verkündigung unterschied. Diese Trennung hat dann viele Christen zweifeln lassen, ob der historische Jesus wirklich der Sohn des lebendigen Gottes war - und nicht nur ein antirömischer Rebell oder ein milder Reformrabbi. Ratzinger sieht solche Bilder als „Fotografien“ ihrer Autoren, aber nicht als Freilegung des historischen Jesus. Der sei in den Evangelien selbst zu finden.
So analysiert er den Begriff der „Erinnerung“ im Johannesevangelium und schließt, Johannes zeige „wirklich den, der Jesus war“. Historiker werden einwenden, dass Ratzinger aus dem vom Evangelisten erhobenen Anspruch eine Aussage über den tatsächlichen Quellenwert macht. Doch letzten Endes ist er zwar mit allen Feinheiten der Quellenkritik vertraut, nimmt darauf aber nur selten Bezug. Er setzt sich über den „Friedhof von einander widersprechenden Hypothesen“ über Jesus hinweg und riskiert einen großen, neuen Wurf: Er lädt dazu ein, Jesus jene provozierenden Aussagen über seine göttliche Autorität „zuzutrauen“, die andere Exegeten als spätere Ergänzungen sehen. Ohne diese Aussagen, so Ratzinger, wäre Jesu Auslieferung an die Römer nicht zu erklären. Er sieht die Bibel als harmonisches Ganzes, entstanden in einem Prozess von „Relectures“ - der englische Begriff meint das Neu-Lesen und Neu-Verstehen alter Texte. Eigentlich ist auch sein Buch eine faszinierende „Relecture“. Er übersetzt viele Stellen neu und zeigt auch dadurch ein dichtes Netz von Bezügen, die man sonst leicht überliest.
Benedikt XVI. sieht Jesus, so wiederum seine Ausführungen zum Johannesevangelium, als den, „der nicht nur war, sondern ist“ - und knöpft sich in diesem Lichte die heutigen Zustände vor: Auswüchse des Kapitalismus, die Entwicklungshilfe, islamische Lehren vom „Heiligen Krieg“. Ob man dem Papst zustimmt oder nicht - an anderen Stellen hat er seine Zeitkritik präziser, besser formuliert. „Jesus von Nazareth“ ist das Werk eines bald 80-jährigen, der betont, er wisse nicht, wie viel Zeit und Kraft ihm noch bleiben. Deshalb hat er die bereits fertigen Kapitel in einem ersten Band herausgebracht und hofft, den zweiten noch vollenden zu können. Er wollte dabei offenbar noch einmal möglichst viel von dem zusammenfassen, was ihm wichtig ist.
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22. April 2012,
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