Von ARIANE HELLER und MANFRED FUNKEN, 18.04.07, 21:21h, aktualisiert 18.04.07, 21:39h
Nun ruht nach schweren Vorwürfen eines anonymen Autors über überflüssige Operationen und fehlende Medikamente seine Approbation nach der Bundesärzteordnung. Er darf seinen Beruf als Arzt bis auf weiteres nicht mehr ausüben.
„Ich gehe davon aus, dass wir alle Vorwürfe entkräften können“, sagt Piers Rechtsanwalt Thomas Verheyen. Ein renommierter Mediziner überprüfe alle Vorgänge. „Sobald das Gutachten vorliegt, werden wir darlegen können, dass die Vorwürfe haltlos sind.“
Eine Station auf seinem beruflichen Weg machte Pier im Bedburger St. Hubertusstift, wo er von 1994 bis 1997 zunächst als Oberarzt und später als Chefarzt der Chirurgie tätig war. In dieser Zeit erlangte er internationales Ansehen für seine laparoskopischen Operationen von Fettleibigen. Er führte in Bedburg Magenbandoperationen ein.
Operationen bei fettleibigen Menschen
Petra Kippels vom Kirchen- und Krankenhausvorstand erinnert sich an den damals jungen Chefarzt: „Hier hat er seine Pflichten gewissenhaft wahrgenommen. In Bedburg hat er die Magenband-OP eingeführt. Das hat dem Kirchenvorstand damals nicht so gefallen, weil wir hier in Bedburg für die Grundversorgung zuständig sind.“ Als Pier seine Pläne zur Laparoskopie und sogenannten Dickenchirurgie im Hubertusstift nicht ausbauen konnte, trennten sich Arzt und Krankenhaus „im gegenseitigen Einvernehmen“. Pier sei ein positiv ehrgeiziger Mensch gewesen, sagt Kippels.
Pier hatte zudem zeitweilig überlegt, das Bedburger Hospital zu erwerben. „Doch schon nach drei Wochen war die Sache vom Tisch. Es ging aus Kostengründen nicht.“
Dafür erwarb Pier im Jahr 2005 für 25 000 Euro das finanziell angeschlagene St. Antonius Krankenhaus in Wegberg bei Mönchengladbach.
Dort soll es nun zu Todesfällen zweifelhafter Ursache gekommen sein. In 13 Fällen ermittelt die Staatsanwaltschaft Mönchengladbach. Laut Oberstaatsanwalt Lothar Gahten sind zuletzt vor zwei Wochen weitere Patientenakten sichergestellt worden. Einige Personen hätten sich nach dem Bekanntwerden der Ermittlungen bei der Staatsanwaltschaft gemeldet und darauf aufmerksam gemacht, dass in ihren Fällen „möglicherweise auch etwas komisch ausgesehen habe“, so Gahten. Es schlage nun die Stunde der Sachverständigen, sagt der Oberstaatsanwalt.
„Krankenhäuser sind sensibler Bereich“
Auf sieben Seiten berichtete zuvor der anonyme Ankläger von unnötigen Operationen, überflüssigen künstlichen Darmausgängen, fehlenden Medikamenten und Bauchhöhlen, die mit „frisch gepresstem Zitronensaft“ statt isotonischer Kochsalzlösung gespült worden seien.
Vorwürfe, die sich Norbert Michels, Vorsitzender des Krankenhaus-Fördervereins, kaum vorstellen kann. Er berichtet: „Dr. Pier war ein sehr exakter Mann. Er hat gut im Krankenhaus gearbeitet.“ Die Zeit mit ihm habe sich positiv für das Bedburger Krankenhaus ausgewirkt. Pier sei Perfektionist gewesen, der nur für seine Arbeit lebte. Michels weiß durch seine Arbeit als Lehrer am Erkelenzer Berufskolleg auch von der Stimmung im nahe gelegenen Wegberg und sagt: „Die Wegberger waren 2005 froh, dass Dr. Pier ihr Krankenhaus übernommen hat. Es stand ja vor der Schließung.“ Nun herrsche Sorge über die Zukunft. „Krankenhäuser sind ein sehr sensibler Bereich.“ Ein einmal beschädigter Ruf lasse sich nur schwer wieder aufbauen.
Dr. Robert Schäfer, Geschäftsführender Arzt der Ärztekammer Nordrhein, in der auch Pier Mitglied ist, sagt: „Wenn Dr. Pier mit Zitronensäure Bauchhöhlen gespült haben sollte, ist es tatsächlich obskur.“ Das werde jedoch festzustellen sein. Die Ärztekammer benannte der Staatsanwaltschaft Gutachter, die die Vorwürfe medizinischer Fehlleistung untersuchen.
Gutachter prüfen Vorwürfe gegen Arzt
Eine Approbation ruhe jedoch nur, wenn eine hohe Wahrscheinlichkeit der bisher noch nicht gerichtlich festgestellten Tatbestände vorliege. „Allerdings“, so Schäfer, „wundert es mich, dass plötzlich solche Dinge auftauchen, obwohl Dr. Pier schon so lange praktiziert.“ Immerhin sei Pier schon 20 Jahre im Geschäft. „Ich erkenne nicht, warum jemand plötzlich ein Verhalten an den Tag legen sollte, das approbationswidrig ist.“
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