Von MANFRED REINNARTH, 08.05.07, 20:50h
Doch den Mittellosen muss sofort mit Bargeld geholfen werden. „Das passiert heute zwölfmal am Tag, früher ein- oder zweimal in drei Tagen“, sagt die Frau am Schalter. Fatal: Sie ist von der Bearbeitung von Anträgen abgezogen worden, die sich nun auf ihrem Schreibtisch stapeln. Hinzu kommen die Anträge, die Kollegen bearbeiten sollten, die sich aber stressbedingt krankgemeldet haben. Der Personalrat ahnte bis zur „Rundschau“-Nachfrage nichts davon.
Der Druck in der Arge ist gewaltig. In dem gemeinsamen Gebilde von Arbeitsagentur und Stadt treiben die Teamleiter ihre Mitarbeiter angeblich bis aufs Äußerste an. „Die Dauer des Gangs zur Toilette wird kontrolliert und freiwillige Arbeit auch am Sonntag erzwungen“, sagt ein Mitarbeiter. „Wenn Sie das nicht schaffen, sehen Sie die Theke von der anderen Seite!“, sei ihm offen gedroht worden.
290 der 1178 Arge-Leute haben einen befristeten Vertrag. Er läuft zum Jahresende aus. „Die Arge startete vor zwei Jahren mit 864 Leuten. Wir bräuchten aber 1400“, sagt der Personalratsvorsitzende Josef Krämer. Seinem Stellvertreter, dem Verdi-Funktionär Gerd Zimmer, ist bekannt, dass die Anzahl der Kollegen steigt, die psychologische Betreuung in Anspruch nehmen. „Führungskräfte, vor allem die städtischen, haben ,Coaching beantragt - ein Training, das beim Umgang mit gestressten und belasteten Mitarbeitern hilft. Viele Teilzeitkräfte machen so viele Überstunden, dass sie Vollzeit arbeiten.“ 169 Stunden im Monat gelten als Festanstellung. „Wir könnten alleine dafür 15 Leute einstellen.“
Mehr noch als der Druck durch Vorgesetzte treibt Gewissenhaftigkeit die Mitarbeiter in den Kollaps. Was sie nicht schaffen, müssen die Kollegen mitmachen. Und jeder sagt: „Die Leute müssen doch ihr Geld bekommen.“
„Ich kann es immer noch nicht glauben“, sagt Krämer. „Bei der Personalversammlung in den Sartory-Sälen gab es nicht mal ein Raunen, als ich den Arge-Chef Josef Ludwig zum Beispiel nach einem Zeitlimit für die Betreuung gefragt habe. „Da wurde ich einfach belogen. Es gebe kein Zeitlimit und werde auch keines geben“, so Krämer.
Auf Geheiß von Unternehmensberater Roland Berger, dem Vater der Umstellung, muss aber schon seit drei Wochen ein Kunde nach drei Minuten einen Termin bei einem Sachbearbeiter haben. Dieser darf sich nur noch 15 Minuten mit ihm befassen, statt einer Stunde. „In einer Viertelstunde kann man gar nichts beurteilen. Alle haben geschwiegen und mir falsche Zahlen gegeben“, gibt sich Krämer geschlagen, nachdem er gerade noch das neue Modell einer Trennung von Arbeitsvermittlung und Leistungsbewilligung vehement verteidigt und Probleme abgestritten hatte. Zimmer erfuhr die Wahrheit im Telefonat mit einem Kollegen vom Schalter.
Der Chef der Arge war gestern nicht ans Telefon zu bekommen. Laut Bandansage war die Telefonzentrale überlastet.
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