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Das Gespenst von Genua

Von HOLGER MEHLIG, CLAUS-PETER TIEMANN und ELISA SIMANTKE, 03.06.07, 19:13h, aktualisiert 03.06.07, 21:49h

Bei den schwersten Straßenschlachten in Deutschland seit Jahren wurden fast 1000 Menschen verletzt. Steine flogen, Autos brannten. Der CDU-Innenexperte Bosbach fordert eine klarere Abgrenzung der Demonstranten von den Gewalttätern.

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Konfrontation: Am Hafen von Rostock eskalierte die Situation.
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Konfrontation: Am Hafen von Rostock eskalierte die Situation.
Einen Tag nach den Ausschreitungen der Autonomen war es gestern in Rostock völlig friedlich. Nur Kehrmaschinen der Straßenreinigung und Lieferwagen von Glaserbetrieben passten nicht zum arbeitsfreien Tag. Sie beseitigten die Spuren der schlimmsten politisch motivierten Krawalle, die Deutschland seit Jahren gesehen hatte. Rund 3000 Vertreter der autonomen Szene hatten sich am Vortag drei Stunden eine Straßenschlacht mit der Polizei geliefert. Und noch viel weniger zum Bild des friedlichen Sonntags passten 50 schwer verletzte Polizisten und Demonstranten, die in Rostocker Krankenhäusern behandelt wurden.

Dabei hatte der Samstag in Rostock so friedlich angefangen. In zwei Demonstrationszügen reihten sich die Globalisierungsgegner auf: Eine Hälfte am Bahnhof, die andere am Schutower Kreuz an der Autobahn. Viele Gruppen hatten Lautsprecherwagen dabei, es lief Musik, manche Demonstranten waren verkleidet. Im Demo-Zug regierte bis zu den Ausschreitungen Fantasie und Musik: Das Netzwerk Attac spielte in seinem Block den anarchistischen Klassiker „Keine Macht für niemand“, im Block der Linkspartei wurde per Lautsprecher zu Solidarität aufgerufen, und Amnesty International spielte in einem Transparent zur Flüchtlingsthematik mit dem Spruch „Zäune helfen nicht“ auf den Hochsicherheitszaun in Heiligendamm an.

Die Rostocker selbst nahmen wenig Anteil an dem Umzug: Kaum jemand schaute aus dem Fenster, wenige standen auf den Bürgersteigen, die Läden an der Strecke blieben geschlossen. Bis gegen 15 Uhr blieb die Demonstration weitgehend friedlich - dann flogen die Steine. Auf der Straße „Am Strande“, praktisch am Ziel, regneten Wurfgeschosse plötzlich auf die Polizei.

In kurzer Zeit war die Straße übersät mit Steinen, Scherben, Holzknüppeln. Die Polizei stürmte bei der Suche nach Gewalttätern mehrmals in die Menschenmenge hinein, nahm einzelne Personen fest. Für viele friedliche Demonstranten war es deshalb schwierig, sich aus den Auseinandersetzungen herauszuhalten. Manche der Vermummten waren noch sehr jung, auch ein verletztes Mädchen, das mit verrutschtem Tuch und Steinen in der Hand vorbeihumpelte. Obwohl sich die meisten Demonstranten vor der Bühne versammelt hatten, um den Rednern zuzuhören, blickten fast alle in die andere Richtung. Dort, nur wenige hundert Meter weiter, stieg eine dicke, schwarze Rauchwolke auf. Die Polizei rückte mit Wasserwerfen an und spritzte in die Menge. Ständig war die Menge in Bewegung: Die Polizei setzte den Demonstranten oder die Demonstranten der Polizei nach. Die Lautsprecher-Durchsagen der Demonstrationsleitung wirkten hilflos. Wer versuchte, ein Stück vorzudringen, um zu erkennen, was genau passiert, fand sich mit Pech plötzlich mitten im Gerangel wieder.

Am späten Nachmittag brannten Autos, die Krawallmacher errichteten Barrikaden. Schwarzer Rauch zog durch die Straßen. Zu der neue Eskalation nach leichter Beruhigung trug offenbar ein Übersetzungsfehler bei: „Wir müssen den Krieg in diese Demonstration reintragen. Mit friedlichen Mitteln erreichen wir nichts“, sollte ein englischer Redner gesagt haben. Die militante Szene fühlte sich angestachelt. Gemeint war aber, der Irak-Krieg müsse auch bei der Demonstration thematisiert werden.

Die Gewalt ging von einer Gruppe von etwa 3000 militanten Autonomen aus, die immer wieder Schutz in der Menge friedlicher Demonstrationsteilnehmer suchte. Von einer Bühne aus heizte ein Sprecher den Krawall allerdings noch absichtlich an: „Wir haben den Geist von Genua“, rief er auf Englisch. Beim Gipfel dort hatte ein Polizist nach Krawallen einen Demonstranten erschossen. Für die friedlichen Protestierer war es eher das Gespenst von Genua. (ap / EB)



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