Von CHRISTOPH GIESE, 17.07.07, 19:26h
Das Keith Jarrett Trio spielt auf. Und da sind solche Maßnahmen leider an der Tagesordnung. Und das, obwohl der Jazz doch eine Musik des Lebens ist, eine Musik, die hörbar atmet. Aber der exzentrische Tastendrücker (62) gilt als äußerst sensibel, was Störungen während seiner Aufführungen betrifft. Gerade erst hatte der Amerikaner beim italienischen Jazzfestival in Perugia das Publikum aggressiv mit üblen Kraftausdrücken beschimpft.
Das wollte man in der Philharmonie Essen verhindern, hatte man doch lange darauf warten müssen, Jarrett erstmals beim Klavier-Festival Ruhr und überhaupt mit seinem Trio wieder in Deutschland begrüßen zu können. 2001 spielte die Formation letztmalig in München. Entsprechend schnell war der Essener Auftritt ausverkauft, den sich auch Marius Müller-Westernhagen nicht entgehen ließ.
Wortlos kommen die drei Musiker auf die Bühne. Eine Verbeugung, dann geht es los, mit Cole Porters „All of You“: Auftakt zu einem Abend, der von Jazzstandards wie Monks „Straight no Chaser“ oder Nat Simons „Poinciana“ dominiert ist. Und wie! Jarrett am Flügel, Bassist Gary Peacock und Schlagzeuger Jack DeJohnette, seit 1983 eine Einheit, zelebrieren mit viel Finesse ältere Originale der Jazzkollegen sowie Musical- und Filmsongs des Great American Songbook. In langen Spannungsbögen wird die Melodie des jeweiligen Songs in den Mittelpunkt gerückt und frei improvisierend umspielt. In einem Sound, der die Jazztradition frisch klingen lässt. Dabei scheint das Trio entrückt über den Noten zu schweben - vor allem Jarrett selbst, der immer wieder im Stehen spielt, ab und an ein leichtes Grunzen nicht unterdrücken kann oder will und mit jeder Körperbewegung mehr in das Geschehen einzutauchen scheint. Und wie sensibel Jack DeJohnette mit den Filzklöppeln Leonard Bernsteins „Somewhere“ zu Ende streichelt - hinreißend schön. Das gilt auch für die Balladen, und der eine oder andere vertrackte Moment kitzelt die Experimentierlust des Trios heraus.
Freiheit und Ordnung, sie finden hier zusammen in einer Welt aus Nuancen und feinen Strukturen. Dazu bedarf es auch keiner Worte, denn Jarrett sagt den ganzen Abend kein einziges Wort. Er hätte sich ja wenigstens dafür bedanken können, dass aber auch niemand im Saal die kleinste Hustenattacke hat hörbar werden lassen.
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22. April 2012,
E-Werk Köln