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Bomben gegen den Prestige-Zug

Von JENS P. DORNER, 14.08.07, 21:13h, aktualisiert 14.08.07, 21:14h

In Verbindung mit Moskaus Machtpolitik im Nordkaukasus erwartet der Terrorismus-Experte Alexej Muchin bald noch mehr Anschläge durch „gesetzwidrige, bewaffnete Formierungen“.

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Umgestürzte Waggons
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Umgestürzte Waggons
MOSKAU. Pawel Tolmatschow reagiert schockiert. Eben noch hatte sich der pensionierte Eisenbahner in Moskau über seinen Präsidenten gefreut. Auf Pressefotos von einer sibirischen Angeltour mit Fürst Albert II. von Monaco posierte Wladimir Putin als Rambo - halbnackt mit muskulösem Oberkörper, sportgestählt. Plötzlich aber wirkt der „Macho“ ausnehmend schwach. Die von seinem Generalstaatsanwalt verbreitete Meldung, wonach die Ursache für das jüngste Zugunglück in Russland auf einem Terroranschlag beruhte, stürzte Tolmatschow (74) in Ratlosigkeit: „Wie lange braucht Putin noch, um Stabilität zu erreichen?“

Diesmal traf es um 21.38 Uhr am Montagabend ein Vorzeigemodell: Im Juni 2001 ging der „Newa-Express“ in Betrieb, ein in Tschechien und im russischen Twer gebautes Gegenstück zu westeuropäischen Hochgeschwindigkeitszügen. Es garantiert vier Stunden und 43 Minuten reine Fahrzeit zwischen den schönsten Bahnhöfen von Moskau und St. Petersburg. Die einfache Fahrt kostet von 57 bis 114 Euro.

Seinem Unglück näherte sich der Express Nr. 166 mit 191 Stundenkilometern. Als ein Sprengsatz hinter der Station Burga 30 Meter vor einer Brücke im Gebiet Nowgorod explodierte, schoss der 165 Tonnen schwere Zug mit 231 Passagieren an Bord noch über die 25 Meter lange und zwölf Meter hohe Konstruktion hinaus. Anschließend kippten drei Waggons um. Die übrigen neun entgleisten mit der Elektrolok des Typs TschS-200. 25 der rund 60 Verletzten, darunter zwei kritische Fälle, brachte man ins Krankenhaus der Kleinstadt Malaja Wischera. Tückisch war der Sprengsatz installiert. Vermutlich zwei Kilogramm TNT deformierten die Gleise über einem ins Erdreich gerissen Krater: einwandfrei Terrorismus. Kritik wird nun laut an mangelnden Sicherheitsmaßnahmen.

Der in Russland bekannte Terrorismus-Experte Alexej Muchin meint, für Anti-Terror-Einheiten bei russischen Eisenbahnen fehlten in Putins Sicherheitsapparat „der politische Wille, die finanziellen Mittel und die erforderliche Technik“. Mehr als eine unbedeutende Nebenrolle im Lagezentrum des Inlandsgeheimdienstes FSB spiele das Thema nicht. Ein im Februar 2006 beim FSB gegründetes „Nationales Anti-Terror-Komitee“ (NAK) befasst sich zwar mit Sabotage, doch nicht mit dem nach wie vor bedeutendsten Verkehrsmittel in der Föderation, der Eisenbahn. Auch gestern kündigte FSB-Direktor Nikolaj Patruschew nur „verstärkte Koordinierung“ und „gemeinsame Aktionen“ gegen die Destabilisierung des Landes an. Mit sofortiger Wirkung trat ein Gesetz zur Transportsicherheit in Kraft. Terrorismusexperte Muchin hält das für leeren Aktionismus. Mehr als Sondereinheiten zum Schutz spezieller Frachten habe man beim FSB nie zustande gebracht. Am Ende würden vor allem nach Bauernopfern gesucht.

Dass der aktuelle Anschlag letztlich glimpflich verlief, erklärt Muchin mit dem „Newskij Express“. Neben Touristen nutzen ihn vor allem Beamte zwischen den beiden Machtzentren des Putin-Regimes. Montagabends seien meist nur ein Dutzend Passagiere pro Waggon im Zug. „Deshalb halte ich den Anschlag für eine gezielte Attacke auf die Nomenklatur.“ Die Drahtzieher wollten beweisen, dass die gewaltsam durchgesetzte Ordnung Putins zerbrechlich sei und nicht anhalten werde.

In Verbindung mit Moskaus Machtpolitik im Nordkaukasus erwartet Muchin bald noch mehr Anschläge durch „gesetzwidrige, bewaffnete Formierungen“. So lautet der amtliche Begriff für regierungsfeindliche Terroristen.



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