Von MANUELA BRAUN, 24.08.07, 19:14h
Seit März steht das satirische Video seines „Projekts Dudelstopp“ im Internet. Eine junge Frau lässt darin ihrer Kritik an der Musikberieselung freien Lauf. „Da fragt man sich doch, was hab ich verbrochen. Werd ich jetzt mit Christina Aguilera bestraft, wenn ich mir nur einen Slip im Kaufhaus kaufen will?“ Ihr folgen unter anderem eine Ärztin und ein Journalist mit deutlichen Kommentaren. Keiner von ihnen ist echt, alle sind Schauspieler im Dienste des Projekts.
Sie führen mit neuen, satirischen Mitteln eine Diskussion fort, die es so bereits seit längerem gibt. So kämpfen die Mitglieder des Vereins „Pipedown - Lautsprecher aus!“ in der Nähe von Hamburg ebenfalls ausdauernd gegen „aufdringliche Unnütz-Musik“ in Supermärkten, Arztpraxen, Ämtern, am Telefon oder in Verkehrsmitteln. Akribisch listen sie auf ihrer Internetseite deutschlandweit Restaurants auf, die entweder ohne Musik auskommen oder diese auf Wunsch abstellen. Und auch Pipedown kann auf prominente Unterstützer zählen: Helmut Schmidt, Justus Frantz, Dieter Hallervorden und Peter Sodann.
Das Ziel: Musikfreie Zonen. Töne, die den Betreibern der Firma Alcas Muzak nicht angenehm in den Ohren klingen. „Wenn sich ein Kunde in einem Laden durch die Musik gestört fühlt, so gehört er wahrscheinlich nicht zur Zielgruppe dieses Ladens oder die Musik ist nicht auf die Zielgruppe abgestimmt“, sagt Peter Stössel, Verkaufsleiter für den deutschen Markt. Alleine 6000 Kunden beliefert die Firma in Deutschland mit Musik, 20 000 sind es europaweit.
Je nach Zielgruppe werden aus einer Datenbank von über 400 000 Titeln Musikformate wie „Jukebox Gold“, „Classical“ (der Renner mit Oldie-Hits), „Lifestyle“, „Blue Note“ oder „Environmental“ zusammengestellt. Über eine Satellitenschüssel, per DSL-Leitung oder per Festplatte erhält der Kunde die gewünschte Musik für den Hintergrund. Die Kunst liegt dabei in der Auswahl und der Zusammenstellung. Lautstärkeschwankungen zwischen den Liedern werden angeglichen, schöne Überleitungen geschaffen und darauf geachtet, dass die Formate schlüssig sind, also Metallica nicht gleich nach Celine Dion gespielt wird: „Eine Wissenschaft, die Fingerspitzengefühl erfordert.“
Dass Celine Dion nicht für einen direkten Mehrverkauf von Pullovern sorgt, weiß Stössel, allerdings nehme der Kunde die Musik unterbewusst wahr und fühle sich dadurch wohl. „Die Kauflaune ist größer, der Kunde bleibt länger und desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass er in gerade diesem Laden seine Kaufentscheidung fällt.“ Der Verkaufsleiter steht zum günstigen Einfluss der Hintergrundmusik - in den Büros des Unternehmens wird jeder Arbeitsplatz mit Musik aus den eigenen Programmen versorgt. Allerdings: Die Mitarbeiter können ihre Lautsprecher auch auf stumm schalten. . .
Über die Steigerung von Laune und Kauflust durch Musik im Hintergrund streiten die Experten trefflich. Eine Studie von Günther Rötter von der Uni Dortmund und Catrin Plößner stellte fest, dass sich Musik weder auf die Laune noch das Kaufverhalten positiv auswirkt. Die beiden Wissenschaftler hatten dazu die Kundschaft eines westfälischen Supermarktes nach Befinden und Einkaufsmenge befragt. Die meisten Kaufhäuser lassen es dennoch säuseln. „Es soll ja die Kauflust wecken und auch arbeitsfördernd bei den Angestellten sein“, sagt Waltraud Loose, Geschäftsführerin des Einzelhandelverbands NRW: „Aber es ist natürlich auch Geschmackssache, wie so vieles im Leben“.
Lühr macht indes weiter. Seit kurzem steht ein Video der „Gegenseite“ in YouTube: Eine Vertreterin der Beschallungsindustrie tritt demonstrativ für Musik beim Einkaufen und Parken ein. Auch das wieder ein Produkt der „Dudelstopper“, die ihrem eigentlichen Ziel mit jedem Anklicken ein Schrittchen näher kommen: Ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass man niemandem etwas ohne dessen Zustimmung aufnötigen soll.
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22. April 2012,
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