Von THOMAS LINDEN, 01.10.07, 19:34h
So entstanden „Toy Story“, „Findet Nemo“ und „Cars“, eine Serie, die nur schwer zu toppen schien. Mit „Ratatouille“ ist es Pixar dennoch gelungen. Der Titel ist der Name eines Gemüse-Eintopfs, bäuerlich, lecker, aber nicht unbedingt ein Gegenstand für geniale Haute Cuisine. Wir werden jedoch eines Besseren belehrt, ebenso wie der unerbittliche Ego, Frankreichs einflussreichster und fiesester Kritiker, der schon spindeldürr geworden ist, weil ihm niemand mehr gut genug kocht. Aber selbst er wird letztlich vor dem kleinen Koch in die Knie gehen.
Wovor ekelt man sich in einer Küche am meisten? Vor einer Ratte, also wählte sich Regisseur Brad Bird, der auch das Drehbuch schrieb, die kleine Ratte Remy zum Helden. Die lebt draußen in der Provinz mit ihrer großen Familie in einem Hof, dessen alternde Besitzerin die meiste Zeit vor dem laufenden Fernseher schläft. So kann Remy die Kochsendungen des soeben verstorbenen Meisterkochs Gusteau anschauen, der angesichts seiner Leibesfülle unschwer als parodierter Paul Bocuse zu identifizieren ist.
Remy stellt im Gegensatz zu seiner verfressenen Familie fest, dass es nicht so sehr darauf ankommt, viel zu essen, als vielmehr diverse Geschmäcker erfinderisch miteinander zu kombinieren.
Der Film von Disney und Pixar - die eine inspirierende Geschäftsgemeinschaft wurden - bewegt sich thematisch sozusagen am Nabel der Zeit. Unser Weltbild scheint sich derzeit im Umgang mit unserer Ernährung wie in einem Brennglas zu verdichten. Das haben Brad Bird und sein Team begriffen, die durchgängig satirische Seitenhiebe auf Fernsehshows, Fresspaläste, überkandidelte Medienvertreter, selbstherrliche Köche und jene Ignoranten austeilen, denen das alles egal ist und die einfach nur Lust am Essen haben.
Der Film entpuppt sich denn auch als eine Erwachsenenfantasie für Kinder, die aber schon acht Jahre alt sein sollten. Er steckt voller verspielter Ideen, die aber immer wieder von der Story eingefangen werden und überhaupt nicht tränenselig sind. Wenn dem Amerikaner auch letztlich die Story wieder einmal zu einer Frage von Identitätssuche und Erwachsenwerden gerinnt. Remy kommt nach Paris, wo er seine Koch-Ambitionen befriedigt, indem er dem Küchenjungen Linguini zum Meisterdiplom verhilft. Der Kosmos des Küchenpersonals alleine ist großartig, jede Figur besitzt ein eigenes Gesicht und einen pointierten Charakter. Obwohl der Film mit 118 Minuten (nicht den Abspann verpassen!) lang ist, besitzt er eine tolle Dramaturgie, weil „Ratatouille“ jeden Effekt in einen Teil der Story verwandelt. Ein ausgesprochen nahrhaftes Kinoerlebnis.
| JETZT BESTELLEN! 4 Wochen Rundschau zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%. |
|
Anzeige
22. April 2012,
E-Werk Köln