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Mit Fingerspitzen dem Krebs auf der Spur

Von LEONIE VON MANTEUFFEL, 04.10.07, 21:33h

In Düren lernen blinde Frauen, kleinste Knoten in der Brust zu ertasten. Ihr besonderes Gefühl soll genutzt werden. „Discovering Hands“ nennt sich das Projekt, die Idee dazu hatte ein Duisburger Frauenarzt.

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Die Mammographie dient dazu, Brustkrebs zu erkennen.
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Die Mammographie dient dazu, Brustkrebs zu erkennen.
In Düren lernen blinde Frauen, kleinste Knoten in der Brust zu ertasten. „Discovering Hands“ nennt sich das Projekt, die Idee dazu hatte ein Duisburger Frauenarzt.

Am Computer heben sich winzige Punkte auf der Tastatur ab. Mühelos kann Miroslawa Gräßer die Muster mit den Fingerkuppen ertasten. Das Fingerspitzengefühl, das sie fürs Lesen der Brailleschrift benötigt, kommt jetzt auch anderen zugute: Die blinde Frau wird zur „Medizinischen Tastuntersucherin“ (MTU) umgeschult.

In einer Frauenarztpraxis in Monheim am Rhein hat sich eine junge Mutter zur Untersuchung angemeldet. Auf einem Schaubild zeigt Gräßer der Patientin, wie sie vorgeht: „Jede Brust wird systematisch in zwei Bahnen untersucht, zuerst die äußere, dann die innere“, erläutert sie. Auf der Liege rückt sie der Patientin ein großes Kissen zurecht. Dann wandern ihre Finger Zentimeter für Zentimeter mit sanftem Druck über die Haut. Der Raum ist angenehm temperiert, die Atmosphäre entspannt. Dabei geht es in dem kleinen Untersuchungszimmer um Lebenswichtiges: die Früherkennung von Brustkrebs.

Optimale ärztliche Untersuchung

Nach gut 20 Minuten hört die Patientin erleichtert, dass Miroslawa Gräßer keine Verdichtungen in der Brust aufgespürt hat. „Ich habe zum ersten Mal das Gefühl, dass ich gründlich untersucht worden bin“, meint die Patientin. Dabei ist die Tastuntersucherin so neu in dem Beruf wie das ganze Arbeitsfeld überhaupt. Noch vor einem Jahr arbeitete sie in einem Büro. Dann erfuhr sie vom Forschungsprojekt „Discovering Hands“.

„Die Tastuntersuchung der Brust muss gründlicher werden“, heißt die Botschaft des Projekts. Der Hintergrund: Je kleiner ein entdeckter Tumor noch ist, desto besser sind die Heilungschancen. Die „Palpation“ ist die einzige reguläre Methode in der Krebsvorsorge bei Frauen unter 50 Jahren. Ultraschall- oder Röntgendiagnostik werden in der Regel erst bei einem Tastbefund vorgenommen.

Sensibler als Sehende

Projektgründer Dr. Frank Hoffmann fand daher rasch Mitstreiter für seine Idee, die besondere Sensibilität blinder Menschen fachlich auszubilden, um die Tastuntersuchung zu verfeinern: „Blinde trainieren in Ermangelung ihres Gesichtssinns das verbleibende Sensorium intensiver“, argumentiert der Duisburger Frauenarzt. Er überzeugte die Ärztekammer Rheinland von der „wünschenswerten Verbesserung der Frühdiagnose durch zeitlich ausgedehntere Palpation der weiblichen Brust“, die im knappen ärztlichen Zeitbudget sonst meist in zwei bis drei Minuten über die Bühne geht. Die Kammer entwickelte ein Zertifikat, der Landschaftsverband Rheinland fördert die Beschäftigungschance für die schwerbehinderten Frauen mit 200.000 Euro. Im Juli bestanden die ersten beiden Umschülerinnen die theoretische Prüfung vor der Ärztekammer Nordrhein.

Zuvor hatten sie sich sechs Monate im Berufsförderungswerk für Blinde in Düren mit Anatomie, Physiologie und Pathologie der weiblichen Brust, medizinischer Untersuchung und Terminologie, Dokumentation und Gesprächsführung befasst. „Allein das Kommunikationstraining umfasste 200 Stunden“, erzählt Gräßer. Die dreimonatige Praxisphase begann sie in einer Krebsambulanz. Es war ein Sprung ins kalte Wasser. „Da konnte ich zum ersten Mal erleben, wie sich ein Karzinom wirklich anfühlt.“ Vom Silikonmodell im Unterricht kannte sie nur künstliche Knoten. Täglich ging sie auf die Station. Berührt hat sie der Schmerz, aber auch die Gelassenheit mancher Frauen im Umgang mit der Krankheit. „Ich habe dort viel von den Frauen gelernt“, sagt sie.

In der Arztpraxis ist die Situation entspannter, doch die angehende MTU nimmt ihre Aufgabe sehr ernst. „Wir sind beeindruckt, wie gewissenhaft und sicher sie die Untersuchungen durchführt“, sagt Ernst Rainer Gethmann, der die Praktikantin mit seinem Kollegen Dr. Friedhelm Fester in der Gemeinschaftspraxis aufnahm.

Dabei waren die Gynäkologen zuerst skeptisch, „ob sie auch Befunde in der Tiefe ausreichend feststellen kann“. Das änderte sich spätestens, als die junge Frau bei einer Patientin eine Verdichtung aufspürte, die nur zwei Millimeter groß war und anderthalb Zentimeter unter der Hautoberfläche lag. „Das wird mancher bezweifeln, aber sie hat es getastet“, betont Gethmann.



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