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Immer mehr Wähler entscheiden kurzfristig

Von NORBERT WALLET, 13.01.08, 20:26h

Die Bürger des US-Bundesstaates New Hampshires gingen am vergangenen Montag mit der sicheren Erwartung schlafen, dass der demokratische Präsidentschaftskandidat Barack Obama bei...

Die Bürger des US-Bundesstaates New Hampshires gingen am vergangenen Montag mit der sicheren Erwartung schlafen, dass der demokratische Präsidentschaftskandidat Barack Obama bei den Vorwahlen am nächsten Tag einen triumphalen Sieg einfahren würde. Tatsächlich wurde es dann eine bittere Niederlage. Dabei hatten zehn verschiedene Umfragen Obama einen Vorsprung von bis zu 13 Prozent bescheinigt. In den letzten drei Tagen vor der Abstimmung kippte die Stimmung. Fast ein Viertel der Wähler soll sich erst ganz kurzfristig entschieden haben.

New Hampshire ist überall. Auch in Deutschland werden Wahlen immer kurzfristiger entschieden, können Prognosen das Wahlergebnis immer weniger genau einfangen. Zweimal in Folge verdarb die Union eine längst gewonnen geglaubte Bundestagswahl auf der Zielgeraden. Auch bei den Landtagswahlen in NRW und Schleswig-Holstein wich das Ergebnis stark von den letzten Umfragen ab.

Dabei werden die Schwankungen von Wahl zu Wahl immer dramatischer. Nehmen wir das Wahljahr 2004. Da gewann die CDU in Hamburg unglaubliche 21 Prozentpunkte hinzu, sackte aber in Sachsen um 15,8 und in Berlin um 17,1 Punkte ab. Der Wähler, so scheint es, wird immer unberechenbarer. Es gibt immer weniger Stammwähler, immer mehr Wechselwähler und immer mehr Spätentscheider. 1976 gaben nur 15 Prozent der Wähler an, keine feste Bindung zu einer Partei zu haben. Heute hält Viola Neu, Wahlforscherin bei der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung, nur noch ein Viertel der Wähler für Stammwähler, davon entfielen je zehn Prozent auf die Volksparteien. Die typischen parteinahen Milieus brechen weg.

„Wären die Volksparteien nur auf ihre traditionelle Klientel angewiesen, könnten sie sogar an der 5-Prozent-Hürde scheitern“, sagt Neu. So erreichte die Union bei der Bundestagswahl 2005 in den alten Bundesländern bei den regelmäßigen katholischen Kirchgängern 72 Prozent. Der entsprechende Wähleranteil lag aber nur bei sieben Prozent.

Ähnliches gilt auch für die SPD. Gerade mal sechs Prozent der Wähler im Westen der Republik sind aus der Arbeiterschaft stammende Gewerkschaftsmitglieder. Für Wahlkämpfer kann solch eine Tatsache ziemlich verwirrend sein. Eigentlich heißt der Befund nämlich, dass ein Appell an die traditionellen Wählergruppen nicht mehr viel bringt. Ob Roland Koch das auch so sieht?

Die Kehrseite der schwindenden Parteienbindung ist die große Wechselbereitschaft, die unter den Wählern herrscht. Da gibt es verblüffende Zahlen: Bei der Bundestagswahl 2005 haben fast 20 Millionen Wähler (!) ihr Wahlverhalten von 2002 nicht mehr wiederholt. 3,5 Millionen Nicht-Wähler von 2002 gingen nun zur Wahlurne, 4,2 Millionen Ex-Wähler blieben zu Hause.

Gewechselt wird übrigens keineswegs nur innerhalb der Lager. 420 000 Wähler tauschten 2005 allein Union und PDS aus. Davon gingen allein 350 000 von der Union zur PDS. Zwischen 1994 und 2005 haben drei Millionen Wähler mal bei der einen, mal bei der anderen Volkspartei ihr Kreuzchen gemacht. Auffallend ist auch, dass sich immer mehr Bürger sehr spät entscheiden. Etwa ein Drittel der Wähler sind am Ende des Wahlkampfes noch nicht festgelegt. Bei der Europawahl 2004 haben 42 Prozent der Wähler ihre Entscheidung erst in den letzten Tagen oder am Wahltag gefällt. Bei der vergangenen Bundestagswahl gab es 49 Prozent Spätentscheider. Wahlen, sagt Viola Neu, erhalten immer mehr den Charakter eines Pferderennens: „Wer gut startet, muss noch lange nicht gut ins Ziel kommen.“

Für die Wahlkampf-Planer der Parteien ist die Botschaft einerseits klar: Wahlkampf bis zur letzten Minute - auch noch am Wahltag. Gerade dann! Die Frage ist nur: Mit welcher Botschaft? Der Appell an die übliche eigene Kundschaft reicht ja nicht mehr. In allen Wahlkampf-Zentralen ist deshalb die Verunsicherung groß.



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