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„Das Wegschauen ist schlimm“

Von BERND STADELMANN, 03.02.08, 21:19h, aktualisiert 03.02.08, 21:22h

In Berlin gibt es seit neuestem ein Polizeikommisariat gegen Kindes-
misshandlung. Eine Bilanz: Innerhalb von zwei Wochen wurden 26 Kinder in verwahrlostem oder misshandeltem Zustand aufgefunden.

Kevins Beerdigung
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Beerdigung des zweijährigen Kevin: Der Fall des Bremer Kindes brachte eine Diskussion über Kindesmisshandlung in Gang.
Kevins Beerdigung
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Beerdigung des zweijährigen Kevin: Der Fall des Bremer Kindes brachte eine Diskussion über Kindesmisshandlung in Gang.
Die Bilder sind immer die gleichen: abgemagerte Säuglinge, Glutnarben von Zigaretten, Verbrühungen durch heißes Wasser, Knochenbrüche, dunkle Striemen von Kleiderbügeln. Die Berliner Polizei ist bundesweit die einzige, die ein Kommissariat zur Bekämpfung von Kindesmisshandlungen besitzt. Und die Beamten haben zu tun. Eine Bilanz: Innerhalb von zwei Wochen wurden 26 Kinder in verwahrlostem oder misshandeltem Zustand aufgefunden. Auch Missbrauchsfälle waren dabei.

Was sich an Brachialgewalt unter deutschen Dächern vollzieht, und zwar an den Schwächsten der Schwachen, übersteigt oft jede Vorstellungskraft. „Ich habe das Kind in die Welt gesetzt, ich kann mit ihm machen, was ich will“, bekommen die Beamten häufig zu hören. Oder: „Vom Schlagen tat mir die Hand weh, da habe ich zum Bügeleisen gegriffen.“ Auch die Sprüche sind immer die gleichen.

Berlin hat einen besonders schlechten Ruf. Hier stieg die Zahl der angezeigten Kindesmisshandlungen auf 563. 2005 lag diese Zahl noch bei 472. In Hamburg wurden dagegen deutlich weniger Fälle polizeibekannt - nur 50. Von paradiesischen Zuständen in der Hansestadt kann dennoch keine Rede sein. Die Polizei dort weiß: „Gewalt gegen Kinder gibt es überall, und überall in gleichem Ausmaß.“

„Ein falscher Verdacht

schadet nicht“

Was sich Berlin zugute hält: „Die Menschen hier sind sensibler geworden, sie melden es sofort, wenn sie glauben, dass Kinder in Not sind“, sagt Dezernatschefin Gina Graichen vom LKA. „Nachbarn, Ärzte, Lehrer haben begriffen, dass sie mitverantwortlich sind“. Und die Polizei ermutigt zur schnellen Anzeige. „Ein falscher Verdacht schadet nicht. Allein Wegsehen und Totschweigen ist schlimm.“ Deshalb sagt Graichen auch: Die Zahl der Übergriffe ist womöglich gar nicht so erschreckend gestiegen, wie man meinen könnte. Heute sehe man nur genauer hin und informiere eher die Polizei.

Möglicherweise ist diese besondere Berliner Wachsamkeit das Ergebnis einer Aufsehen erregenden Plakataktion, mit der die Polizei bereits 2004 die Bevölkerung hochschreckte. Eines der Bilder zeigte eine Babyflasche auf einem Grab. „So etwas prägt sich ein“, sagt Gina Graichen. Die Polizei richtete eine Hotline ein. Gleich im ersten Jahr stieg die Zahl der gemeldeten Fälle um ein Fünftel an.

Befürchtungen, solche Aktionen könnten zu einer Welle von Denunziationen führen, erwiesen sich hingegen als falsch. „Die meisten Anzeigen hatten Hand und Fuß“, stellt Graichen klar. Noch immer aber ist die Dunkelziffer horrend. Nur jeder 20. Fall, so die Schätzung, wird überhaupt erst aktenkundig. Oft spielen sich die Fälle in sozial schwachen Milieus ab, aber keineswegs ausschließlich. Graichen glaubt, dass auch in gut situierten Familien Gewalt verbreiteter ist als vielfach angenommen. Oft sei sie lediglich subtiler, eher psychischer Natur. Angezeigt würden in der Regel aber Fälle, in denen die Verletzungen der Kinder offensichtlich sind. Daher säßen den Beamten, so Graichen, bei den Vernehmungen hauptsächlich Täter aus einfacheren Verhältnissen gegenüber.

„Rund zehn Prozent aller Kinder haben unter Misshandlung oder Verwahrlosung zu leiden“, schätzt Georg Ehrmann, Vorstandschef der Deutschen Kinderhilfe Direkt e.V. Diese Kinder zu schützen sei das gegenwärtige System nicht in der Lage. Statt die gefährdeten Kinder frühzeitig aus den Familien zu nehmen, betrieben die Jugendämter und die freien Träger der Jugendhilfe „Konsenspädagogik“. Auf freiwilliger Basis gebe es Hausbesuche und Gesprächsangebote, ohne dass man die Risiken bei psychisch kranken Eltern, Drogenabhängigen oder Gewalttätern ernst nehme, warnt Ehrmann.

In Berlin scheint der rot-rote Senat inzwischen ähnlicher Meinung zu sein. Hier wurde im Februar dieses Jahres ein „Netzwerk Kinderschutz“ ins Leben gerufen, das alle Hilfseinrichtungen, die mit der Betreuung von Kindern zu tun haben, zusammenbinden soll: Erste Alarmzeichen für Fehlentwicklungen - egal ob es sich um Verwahrlosung oder Misshandlung handelt - sollen nicht länger übersehen, sondern umgehend an Polizei, Jugend- und Gesundheitsämter weitergegeben werden.

Schnelles Eingreifen

bei Risikofällen

„Es darf nicht sein“, mahnt Jugendsenator Zöllner, „dass es Sackgassen gibt und Informationen hängen bleiben.“ Alle Institutionen - von den Entbindungskliniken bis hin zu den freien Elternvereinen - haben ein Regelwerk an die Hand bekommen, um Gefahrenlagen früh zu erkennen und an die richtige Stelle zu melden. Einheitliche Checklisten wurden verteilt. Die Jugendämter müssen über Risikofälle innerhalb von zwei Stunden entscheiden. Das wirkt sich aus.

Wenn Nachrichten die Runde machen, dass die Jugendämter in Berlin in nur zwei Wochen in 127 Fällen Kinder aus den Familien herausgenommen haben, dann ist das vor allem auf die Meldungen wachsamer Bürger zurückzuführen, die über eine neu eingerichtete Hotline Alarm geschlagen haben.

So wäre denn alles gut in Berlin? Nicht ganz, auch wenn der Senat furchtbar stolz darauf ist, dass er sich das neue „Netzwerk Kinderschutz“ 1,1 Millionen Euro kosten lässt. Die Jugendhilfe nämlich, an der sich das städtische Engagement gegen private Armutsrisiken und Verwahrlosung ziemlich genau ablesen lässt, wurde drastisch zurückgefahren: Noch im Jahr 2002 war der Stadt die Sache 451 Millionen Euro wert. In diesem Jahr sind nur noch 290 Millionen veranschlagt.



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