Von STEFAN KEGEL, 14.02.08, 20:00h
Und doch: Selten hat man den Bundestag so konzentriert, so aufmerksam und so bar aufgesetzter Empörung erlebt. Das Thema hat seit Monaten nicht nur die Kirchen, sondern auch Politiker, Forscher und Ärzte beschäftigt: Soll die Forschung an embryonalen Stammzellen weitergehen, und wenn ja, unter welchen Bedingungen? An erster Stelle steht dabei die ethische Frage: Sind wenige Tage alte Embryonen bereits Menschen oder werden sie es durch die Einnistung in der Gebärmutter? Und daraus folgend: Darf man Embryonen zu Forschungszwecken vernichten?
Über alle Fraktionsgrenzen hinweg haben sich im Bundestag vier Koalitionen zusammengefunden, die ihre Vorschläge durchbringen wollen - vom völligen Verbot der Einfuhr bis zu einer Abschaffung des Stichtags, der bislang einen Import embryonaler Stammzellen nur zulässt, wenn sie vor dem 1.1. 2002 entstanden sind. (s. Kasten)
In der Debatte betonten die Befürworter der Stichtags-Verschiebung, dass damit der Forschung geholfen werde. Wissenschaftler hatten mehrfach geäußert, dass die Qualität vorhandener Zelllinien aus der Zeit vor 2002 nicht mehr ausreiche. Horst Seehofer (CSU) wies darauf hin, dass es nur um überzählige Embryonen gehe, die für künstliche Befruchtungen gezüchtet wurden und danach nicht mehr gebraucht und weggeworfen würden. Er sieht einen Wertungswiderspruch: „Die Tötung ist möglich, die Forschung nicht.“
Ex-Justizministerin Herta Däubler-Gmelin (SPD) sprach sich für eine Beibehaltung des Stichtags aus. Ihre Meinung habe nichts mit einem Misstrauen gegen die Wissenschaft zu tun, sagte sie. Aber eine Verschiebung des Stichtags verstärke „die Tendenz zur weiteren Relativierung einer Grundsatzfrage - ohne Not“.
Die Befürworter einer Abschaffung des Stichtags argumentierten unter anderem damit, dass auch im Mutterleib die Mehrzahl der befruchteten Eizellen sich gar nicht einnistet und somit gar nicht zu leben beginnt. Ex-Familienministerin Renate Schmidt (SPD) betonte, auch mit der Spirale zur Verhütung bei Frauen sei es dasselbe. Und im Übrigen fließe deutsches Fördergeld bereits heute europaweit in Projekte, für die das Stammzellengesetz gar nicht gelte. „Die Unschuld haben wir längst verloren“, sagte sie.
Der CDU-Abgeordnete Peter Hintze argumentierte aus Sicht kranker Menschen: „Für mich hat ein kranker Mensch, um dessen Heilung es geht, einen Vorrang vor einer befruchteten Eizelle.“
Anders sehen das die Befürworter eines Importverbots. Sie berufen sich darauf, dass es trotz der umstrittenen Stichtagsregelung von 2002 bislang keinen Durchbruch in der Embryonenforschung gegeben habe. Die Forschung an adulten Stammzellen, die ohne Embryo gewonnen werden können, sei weit fortgeschritten, sagte Konrad Schily (FDP). Er plädiere für die Menschenwürde. „Wir werden den Fortschritt auch so erreichen.“
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