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Gewalt unter der Dusche

Von JAN WÖRDENWEBER, 12.03.08, 22:10h

„Ich bin beim Duschen ausgerutscht.“ Für Joe Bausch ist das der Klassiker unter den Ausreden, wenn ein Häftling mit einem blauen Auge vor ihm steht. Der Gefängnisarzt in...

„Ich bin beim Duschen ausgerutscht.“ Für Joe Bausch ist das der Klassiker unter den Ausreden, wenn ein Häftling mit einem blauen Auge vor ihm steht. Der Gefängnisarzt in der JVA Werl weiß, dass nicht so viele Männer unter Gleichgewichtsstörungen leiden können - wohl aber am Knast-Alltag, der von Gewalt und Langeweile geprägt ist.

Bauschs Zuhörer sind Polizisten. Zwar haben auch sie fast täglich mit Kriminellen zu tun, doch der Fall ist für sie in der Regel beendet, wenn der Staatsanwalt das Kommando übernimmt. Was sich hinter Gittern abspielt, wissen die meisten Beamten nicht. Auch deshalb hatte der Bund Deutscher Kriminalbeamter ins Polizeipräsidium eingeladen.

„Vergewaltigung an

der Tagesordnung“

Schauspieler Dirk Heinrichs („Die Sitte“), der mit Insassen im Jugendstrafvollzug in Siegburg arbeitet, stand den Beamten ebenso Rede und Antwort wie Klaus J. Behrendt und Dietmar Bär. Mit Bausch stehen die beiden für den Kölner „Tatort“ vor der Kamera und engagieren sich für junge Gefangene auf den Philippinen.

„Die Dusche ist meistens der Ort der Bestrafung“, weiß Heinrichs. Vergewaltigung und Missbrauch seien in Siegburg an der Tagesordnung, sagt der Schauspieler, der die Probleme an fehlendem Personal, aber auch an den Beamten vor Ort festmacht. „Ich habe selbst schon gesehen, wie ein Aufseher weggeguckt hat, als es während des Freigangs zur Sache ging.“ Heinrichs ließ sich selbst einmal für einen Tag in eine der sieben Quadratmeter großen Zellen einsperren. „Du veränderst dich darin in kürzester Zeit.“

Je mehr Beschäftigung für Jugendliche, desto geringer sei die Rückfallquote, sagt der Schauspieler. Er hat einen Film mit jungen Insassen gedreht, die darin offen über das Knastleben sprechen, und was sie heute anders machen würden, wenn sie es nur schon könnten. Ganz direkt warnen die Jugendliche andere, wohin „zu viel Scheiße bauen“ führen kann: in die JVA Siegburg. Heinrichs lernte dort einen Jungen kennen, der mit zwölf Alkoholiker wurde und auf die schiefe Bahn geriet: Als er feststellte, dass es sich bei seiner Mutter um seine Oma handelte. Und dass der Mann, zu dem er einmal die Woche geschickt wurde, der Mörder seiner Mutter ist.

„Diese ständige Angst

macht krank“

„Es gibt die geborenen Opfer“, sagt Mediziner Joe Bausch. „Die, die sich am ehesten bücken müssen.“ Dass Sexualstraftäter ganz unten in der Knast-Hierarchie stehen, ist bekannt. Aber was heißt das genau? „Sie müssen für andere Gefangene arbeiten. Dieser Druck, diese ständige Angst, macht krank.“ Bausch kennt einen Insassen, der seit acht Jahren nicht mehr freiwillig seine Zelle verlässt.

Wo Bausch arbeitet, sitzen 900 Gefangene. 80 sind Mörder, 60 haben Sicherungsverwahrung, 100 „Lebenslänglich“ bekommen. Dass dies nicht automatisch Freiheit nach 15 Jahren bedeutet, weiß der Mediziner nur zu gut: „Einer ist jetzt seit 43 Jahren dort.“

Langjährige Insassen wie der „Geiselnehmer von Gladbeck“ seien angepasst und bereiteten keine Probleme. Wohl aber noch unbekannte, psychisch gestörte Insassen mit kürzeren Haftstrafen. „Derjenige, der eben noch freundlich und hilfsbereit war, kann dir später eine Waffe an den Kopf halten.“ Vor kurzem, erzählt Bausch, habe ein Bankräuber eine JVA-Beamtin mit heißem Wasser übergossen. „Er wollte eine Geisel nehmen.“



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