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Zwischen Kabelsalat und Bundestag

Von BARBARA BUCHHOLZ, 09.06.91, 05:59h, aktualisiert 26.06.03, 19:16h

Ein Haufen Nerds in Schmuddelklamotten, die nächtelang am Rechner hocken und über der Tastatur einschlafen, inmitten von Kabelsalat und leeren Pizzakartons - willkommen im Chaos Computer Club? Das Bild ist nicht falsch, stimmt aber auch nicht mehr ganz.

Ein Haufen Nerds in Schmuddelklamotten, die nächtelang am Rechner hocken und über der Tastatur einschlafen, inmitten von Kabelsalat und leeren Pizzakartons - willkommen im Chaos Computer Club? Das Bild ist nicht falsch, stimmt aber auch nicht mehr ganz. Denn das digitale Zeitalter bringt vieles mit sich, über das sich diskutieren lässt: Online-Durchsuchung, Vorratsdatenspeicherung, Wahlcomputer oder der biometrische Reisepass - die Mitglieder des Chaos Computer Clubs (CCC) mischen sich ein. Sie sind zu digitalen Bürgerrechtlern geworden.

Die deutsche Hacker-Vereinigung hat sich dem Datenschutz und der Informationsfreiheit verschrieben - und übt immer häufiger öffentlich Kritik. „Wir sagen unsere Meinung, auch wenn sie nicht immer gerne gehört wird“, sagt CCC-Sprecherin Constanze Kurz aus Berlin. Unbequem mögen die Computer-Chaoten sein, gefragt sind sie aber. „Wir werden beispielsweise als unabhängige Organisation zu Anhörungen im Bundestag eingeladen“, erklärt Kurz. Der CCC steht auf der Lobbyliste des Deutschen Bundestags.

Die Berliner Ortsgruppe, mit über 100 Mitgliedern die größte, hat ihr Lokal nah an der politischen Mitte, nur ein paar Hundert Meter und die Spree liegen dazwischen. „Wir haben viel Kontakt mit Politikern“, sagt Kurz. Als Gutachter würden sie immer mehr angefragt. Von politischer Seite wie im Fall der Entscheidung über die Online-Durchsuchungen, wo CCC-Mitglieder als Gutachter im Karlsruher Prozess mitwirkten.

Aber auch Wirtschaftsunternehmen scheinen an konstruktiver Kritik interessiert. So soll die Deutsche Bahn beim CCC angeklopft haben, um zu der einen oder anderen computertechnischen Neuheit eine fachkundig-kritische Meinung einzuholen. Bei der DB selbst allerdings möchte man das nicht bestätigen. „Ein solches Gutachten ist von uns nie in Auftrag gegeben worden“, sagt eine Sprecherin.

Seis drum: Auch unaufgefordert nehmen die Mitglieder des Chaos Computer Clubs gerne Dinge unter die Lupe, um auf Sicherheitslücken aufmerksam zu machen. Die von der DB in Großstädten bereitgestellten Fahrräder zum Selbstausleihen etwa nahmen sich Hacker schon vor ein paar Jahren vor - und knackten das System, wie in der Mitgliederzeitschrift „Datenschleuder“ nachzulesen war.

Ähnlich ging es Wahlcomputern des niederländischen Herstellers Nedap, die auch in Deutschland eingesetzt werden. Diplom-Informatikerin Constanze Kurz promoviert über solche Geräte. Diese seien einfach zu manipulieren, hat sie in einer Studie für das Bundesverfassungsgericht mit Kollegen herausgefunden. „Junge Studenten im ersten Semester konnten das System hacken“, sagt die Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Arbeitsgruppe Informatik in Bildung und Gesellschaft an der Berliner Humboldt-Universität.

Der Chaos Computer Club ist politischer geworden und professioneller. Die schluffigen Computerfreaks im Kapuzenpulli gibt es natürlich noch. Aber auch solche wie Constanze Kurz, die bei Vorträgen Bluse zu blondem Zopf trägt. Vorbehalte gegen Hacker gibt es zwar noch. „Aber dass wir eine Hacker-Ethik haben, wissen doch die meisten“, sagt Constanze Kurz.



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