Von CHRISTOPH MATHIEU, 24.03.08, 22:01h
Der 16-jährige Michael saß letztes Jahr in Köln-Ossendorf in Untersuchungshaft. „Ich habe versucht, jemanden totzuschlagen“, sagt der Junge sehr leise. „Zum Glück wurde ich aus dem Knast geholt und hierhin gebracht, wo sich mal jemand um mich kümmert.“ Michael wurde zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt und lebt jetzt im Halfeshof. Er macht dort eine Ausbildung zum Maler und Lackierer.
Noch nie im Leben
ein Lob bekommen
„Die meisten Jugendlichen hier haben ihr ganzes Leben lang kein Lob gehört. Sie haben kein Selbstwertgefühl, und sehen nur fehlerhafte Menschen in sich. Das macht sie aggressiv“, weiß Wolfgang Beicht, Direktor vom Halfeshof, der straffällige Jugendliche aufnimmt, die eigentlich in Untersuchungshaft sitzen.
„Es bringt nichts, aggressive Kinder einfach wegzuschließen. Das macht sie nur noch aggressiver“, sagt Stefan Peil, Vorsitzender des Betriebsausschusses Jugendhilfe Rheinland. Er hält auch nichts davon, ihren Willen zu brechen, wie es in amerikanischen Bootcamps passiert. „Das sind keine pädagogischen Einrichtungen, sondern Drillanlagen, in denen die Teenager dazu gezwungen werden, sich unterzuordnen.“
Peil ist sicher, dass im Rheinland bereits gute Arbeit in der Bekämpfung der Jugendkriminalität geleistet wird. Der Landschaftsverband Rheinland ist Träger von 430 Heimen. „Im ganzen Rheinland stehen 19 200 Plätze und 12 500 Mitarbeiter für die Problemjugendlichen zur Verfügung.“
Doch sind die „Problemjugendlichen“ nicht nur die Schwerkriminellen, die im Halfeshof unter permanenter Aufsicht leben. Im Jugendcafé Fichtenhain trifft man auf die „Null-Bock-Kids“, meist Schulschwänzer, die zuhause und in der Schule große Probleme haben.
Regelmäßig besucht Döring die Familien der sechs „Café-Jugendlichen“, unterhält sich mit ihnen, ergründet die soziale Situation und versucht zu helfen. „Wir wollen schließlich erreichen, dass die Jugendlichen uns nicht mehr brauchen. Dazu müssen wir herausfinden, warum sie so aggressiv sind oder Drogen nehmen.“
In Fichtenhain leben noch 53 weitere Jugendliche, denen geholfen werden muss. „Die Jugendämter fordern, dass sie spätestens mit 18 selbstständig sind“, sagt Sabine Kaul, Leiterin von Fichtenhain. „Doch für die meisten Jugendlichen ist das mit ihren Biografien sehr schwer. Mit den Werkstätten versuchen wir, denen zu helfen, die aus eigener Kraft wahrscheinlich keinen Ausbildungsplatz bekämen.“
Zu den berufsfördernden Maßnahmen, die in Fichtenhain angeboten werden, gehören Vollausbildungen zum Metallbauer, Schreiner, Gärtner und Maler.
Der 19-jährige Grieche Sami Kadiroglu etwa wird zum Schreiner ausgebildet. Heinrich Neuhofs kümmert sich um ihn. „Seit über 30 Jahren bilde ich sozial benachteiligte Jugendliche aus. Viele von ihnen haben es durch uns geschafft, im Leben Fuß zu fassen“, freut er sich. „Einige, die jetzt schon über 50 sind, kommen manchmal vorbei. Von denen, die es nicht geschafft haben, hören wir leider nicht mehr viel.“ Kaul betont: „Alle Jugendlichen hier haben unsere Hilfe dringend nötig. Niemand, der hier ist, hat es bisher leicht im Leben gehabt.“
Sami arbeitet an seinem bisher anspruchsvollsten Projekt. Aus einem Baumstumpf soll er eine Eule schnitzen. Einmal abgerutscht, und das Werk ist hin. Was fatal wäre, denn das Kunstwerk soll an einen Kunden verkauft werden. „Die Eule wird mein erstes Meisterwerk“, sagt er.
Auch Neuhofs ist zufrieden. Doch der Ausbilder baut nicht nur darauf, die jungen Leute zu loben. „Wir sind zwar eine beschützende Werkstatt, doch die Realität darf hier drinnen nicht auf der Strecke bleiben. Deswegen schicken wir unsere Auszubildenden so schnell wie möglich in richtige Betriebe.“
Die sechs- bis zwölfjährigen Bewohner der Kinder- und Jugendfarm im wenige Kilometer von Fichtenhain entfernten Viersen stammen zum Großteil aus verwahrlosten Elternhäusern.
„Die Kinder sind in ihrem jungen Leben von Menschen nur enttäuscht worden“, sagt Kaul, die neben den Werkstätten in Fichtenhain auch den Bauernhof in Viersen leitet. „Mit Hilfe von Tieren wollen wir den Kindern helfen, wieder zu vertrauen.“
Nach der Schule kümmern sich die Kinder um das Pferd Duko, den Esel Moses und die Ziege Heidi. „Die Eltern sind bei dem Prozess immer dabei“, sagt Kaul. „schließlich sollen die Kleinen in ihre Familien zurück. Heime können die Familie nämlich nicht ersetzen. Egal, wie schlecht es den Kindern zu Hause ergangen ist.“
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22. April 2012,
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