Von MANUELA BRAUN, 04.05.08, 20:32h
Dass das Internet nicht vergisst, war auch Hannes Eggel, Chef einer Stuttgarter Werbeagentur, lange Zeit nicht bewusst. Vor Jahren stellte er in einem ARD-Blog eine politische Äußerung online. Sehr konservativ und sehr deutlich. „Die würde ich heute nicht mehr unterschreiben“, sagt der 57-Jährige. Allerdings: Jeder, der sich im Internet nach dem Geschäftsmann umschaute, konnte auf den mittlerweile ungeliebten Kommentar stoßen.
In beiden Fällen stehen die Daten nicht mehr online. Im Fall des 18-jährigen Holger hat die Firma Datenschutz.de im Internet recherchiert und die Ex-Freundin offiziell um das Löschen der Seite gebeten. Mit Erfolg. 30 bis 50 Aufträge erhält das Zwei-Mann-Unternehmen aus Münster im Monat. Tendenz: steigend. „Immer mehr Leute haben Zugang zum Internet, immer mehr geben Daten ein“, sagt Geschäftsführer Carsten Hoppe. Ganz traditionell per Hand wird das Internet nach den Kunden durchforstet und das Ergebnis in einer Liste präsentiert. Für viele Auftraggeber beginnt dann das große Staunen, wenn sie auf längst vergessene Fotos, Kommentare oder anderes hingewiesen werden. Meistens sind es etwa 20 Links, die Hoppe dem Kunden auflistet. Für einen Politiker aus Bayern habe er aber auch schon mal 5000 gefunden. Ab 40 Euro kostet die Internet-Suche. Das Geschäft mit den unbequemen Daten im weltweiten Netz ist im Kommen.
Mittlerweile bietet auch die amerikanische Firma „Reputation Defender“ ihre Dienste in Deutschland an. Für 600 deutsche Kunden hat Gründer Michael Fertik seit Anfang 2008 schon im Internet recherchiert. Agenturchef Hannes Eggel war einer der ersten Kunden. Fertik lässt maschinell suchen und anschließend per Hand nachrecherchieren. Vielen sei nicht bewusst, welche Konsequenzen der sorglose Umgang mit Daten haben könne. „Manchmal steht eine Information auf einer passwortgeschützten Seite, wird von jemandem aufgenommen und endet auf einer für alle zugänglichen Seite.“ Teilweise in veränderter Form, als manipuliertes Foto oder mit einem neuen Text versehen.
Jeder Fünfte stellt private Informationen ins Internet, ergab eine Befragung durch den Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und Medien (Bitkom). Das meiste - Lebensläufe, Fotos, Tagebücher - landet in Online-Communities, Blogs und Singlebörsen. Vor allem junge Nutzer zwischen 14 und 29 Jahren hinterlegen persönliche Angaben im Internet. Bestes Beispiel sind die Nutzer der Plattform StudiVz. Alleine fünf Millionen sind Mitglied, hinterlassen dort Namen, Geburtsdatum, Universität und Wohnheimadressen sowie jede Menge Privatfotos von Urlauben und Parties - und vergessen dabei, dass etwa auch künftige Arbeitgeber in der Lage sind, Informationen im weltweiten Netz zu suchen. „Es gibt eine Menge unmöglicher Selbstdarstellungen im Internet“, sagt Dr. Wolfgang Lichius, Vizepräsident des Personalberaters Kienbaum. Zumindest den Namen eines möglichen Kandidaten für eine Stelle googelt der Personalberater.
Noch viel weniger ist den meisten Internet-Nutzern bewusst, dass sich aus den personenbezogenen Informationen durch geschickte Auswertungen regelrechte Nutzungs- und Persönlichkeitsprofile erstellen lassen. Wer in Netzwerken wie Facebook, MySpace oder Studivz unterwegs ist, liefert deren Werbekunden die Möglichkeit, ihre Produkte gezielt - auf die Profile abgestimmt - ins rechte Licht zu rücken. Datenschützer fordern seit langem einen sensibleren Umgang mit Daten: „Eine selbstbestimmte Einwilligung in eine Datenverarbeitung setzt voraus, dass einem die Tragweite der Preisgabe von Personendaten bewusst ist. Das Internet kennt kein ,Recht auf Vergessen“, sagt Rechtsanwalt Christoph Klug von der Gesellschaft für Datenschutz und Datensicherung.
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22. April 2012,
E-Werk Köln