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Schützen durch Nützen

Von HORST ZIMMERMANN, 23.05.08, 21:58h

Der große Tourismus am Strand von Anamur bedroht die wichtigsten Nistplätze der Meeresschildkröte Caretta Caretta. Die Geschichte ist exemplarisch für das Spannungsfeld zwischen Artenschutz und Tourismus.

Am zwölf Kilometer langen Strand von Anamur am südlichsten Punkt der Türkei fassen Strandwächter Posten. Sie stülpen Schutzkäfige über die erwarteten 1000 Eiablagen der Meeresschildkröte Caretta Caretta. „Einer der wichtigsten Nistplätze wird durch ein riesiges Tourismus-Projekt gefährdet“, sagt Brigitte Peter von der Aktionsgemeinschaft Artenschutz (AGA). Noch gibt es nur einige kleine Hotels in Strandnähe, aber Anamur will endlich auch ein Stück vom großen touristischen Kuchen. Straßen mit hellen Laternen sind schon gebaut. Wenn sie nicht abgeschaltet oder verblendet werden, so Brigitte Peter, krabbeln die schlüpfenden Jung-Carettas nicht zum Meer, sondern zum Licht und damit in den sicheren Tod.

Schon 1980 hat die AGA zusammen mit türkischen Naturfreunden den Schildkrötenstrand von Dalyan gerettet und einen Hotelkomplex verhindert. Heute patrouillieren da amtlich bestellte Wächter und halten Touristen von den Gelegen fern. Einnahmen aus dem Tourismus machen es möglich. Die Geschichte ist exemplarisch für das Spannungsfeld zwischen Artenschutz und Tourismus.

Heute meinen nur noch wenige radikale Naturschützer, der einzig wirksame Schutz bestehe in der Aufgabe aller Reisen in bedrohte Regionen. Und in der Tourismus-Industrie stehen nur noch wenige Manager auf dem Standpunkt, Tourismus könne, weil es ja um Arbeitsplätze und Profit geht, keine Rücksicht nehmen.

Dr. Peter Fankhauser, Vorstand von Thomas Cook, formuliert die vorherrschende Einstellung der Branche so: „Unser Geschäft beruht auf zwei Säulen: Dem Bedürfnis der Menschen zu reisen und ihrem Wunsch, dabei eine intakte Umwelt zu erleben.“ Die Tage der Feindschaft neigen sich dem Ende zu, Tourismus und Artenschutz reichen sich zunehmend die Hand. Neckermann organisiert Rundreisen zu den Orang-Utans auf Borneo, die Teilnehmer finanzieren eine Aufzuchtstation. Tui lässt einen Katamaran mit einer Biologin an Bord zu den Walrevieren zwischen Teneriffa und La Gomera fahren: Pro Teilnehmer geht ein Euro an eine Walschutzgruppe. Auf Zakynthos zog sich Tui von einem Schildkrötenstrand zurück. In Kenia unterstützt das Unternehmen die Umstellung der Fischer auf Netze, in denen sich keine Delfine mehr verfangen.

Touristik-Professor Karl Born, ehemals Tui-Vorstand, hält viel von der Devise „Schützen durch Nützen“. Erst als sie den Marktwert intakter Natur erkannten, investierten viele Urlaubsgebiete in Umwelt- und Naturschutz. „Viele arme Länder könnten sich ohne die Einnahmen aus dem Tourismus gar keinen Naturschutz leisten.“ Noch wichtiger als Geld ist manchmal der Druck der Reisefirmen auf lokale Administrationen. Mitunter wird sogar mit dem Rückzug aus einem Zielgebiet gedroht.

Was „sanfter Tourismus“ wirklich ist und bringt, ist umstritten. Puristen verteufeln Luxusherbergen und Autobahnen und setzen auf Rucksack-Tourismus und Anpassung an Kultur und Lebensgewohnheiten der Einheimischen. „Aber Individualisten, die aus dem Bach trinken und ihren Schlafsack auf der Wiese ausrollen, bringen wenig Arbeitsplätze und Einnahmen“, so Barbara Engels, Biologin im Bonner Bundesamt für Naturschutz.

In der Diskussion setzt sich zunehmend die Sicht durch, dass Naturschutz auch die Spezies Mensch schützen sollte. Was nützt das Überleben einer Froschart, wenn dadurch blockierter Tourismus die Einheimischen um Einnahmen bringt, die sie dringend zum Leben brauchen? Auch Engels meint, dass Tourismus insgesamt mehr nutzt als schadet - vor allem, wenn er naturverträglich gestaltet wird.

Leitlinien der „Konvention über die biologische Vielfalt“ listen auf 16 Seiten auf, wie eine Versöhnung von Tourismus und Schutz der biologischen Vielfalt funktionieren kann - von sparsamer Bodennutzung über die Beschäftigung lokaler Arbeiter und Nutzung lokaler Rohstoffe für Bauten bis zur Beteiligung der einheimischen Bevölkerung an Entscheidungen.

Zum Teilaspekt Klimaschutz hat die Kölner Rewe-Touristik-Gruppe (ITS, Dertour) gerade eine beachtliche Broschüre („Prima Klima für den Tourismus“) erstellt (Download unter  www.rewe-touristik.com/offen/umwelt-soziales/Klimawandel/index.php ). Da wird Tourismus als die gegenüber anderen Wirtschaftsformen „meist umwelt- und klimafreundlichere Alternative“ dargestellt, und das Unternehmen präsentiert seine Bemühungen um Flugzeuge mit geringerem Schadstoffausstoß und um weniger Warteschleifen und Umwegflüge. So lasse sich der Anteil des Flugverkehrs am weltweiten Co-Ausstoß (derzeit 2 bis 3,4 Prozent) deutlich verringern.

Noch bleibt viel zu tun. Umfragen belegen, dass Urlauber nach intakter Natur suchen, dass sie aber kaum bereit sind, dafür Geld auszugeben. Insofern erstaunlich: Seit November bietet TUIfly den Kunden die Möglichkeit, bei der Flugbuchung einen freiwilligen Beitrag zur Förderung von Klimaschutz-Projekten zu leisten. Bis Anfang Mai zeichneten sechs Prozent der Fluggäste insgesamt 200 000 Euro. Seit März können auch Flugpauschalgäste von Neckermann, ab Juli auch von TUI spenden.

 www.respect.at

 www.ecotourism.org



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