Von TORSTEN SÜLZER, 10.06.08, 20:24h
Sie hätte eine Film-Ikone werden können: Sie war eine strahlende Schönheit, verband den notwendigen Ehrgeiz mit Können (in ihren Worten: „Kein Talent ohne Ego!“), hatte Ende der 20er Jahre den Sprung vom Stummfilm zum Tonfilm gemeistert und den Oscar im Regal stehen.
Wahrscheinlich fehlten Norma Shearer, 1902 im kanadischen Montreal geboren, einfach die Skandale. Immerhin hatte sie mit Joan Crawford eine missgünstige Gegnerin, die glaubte, für sie fielen nur Rollen ab, die Shearer zuvor abgelehnt hätte. Dabei hatte Shearer in der Erfolgskomödie „The Women“ von 1939 - eine Art vorweggenommenes „Sex and the City“ mit ausschließlich weiblichen Darstellern - ihre Kolleginnen Joan Crawford, Paulette Goddard und Rosalind Russell schlicht an die Wand gespielt. Fanden zwar nicht die Kritiker, fand aber das Publikum. Auf die Frage, warum Norma Shearer tolle Rollen bekomme, obwohl sie doch schiele und kurze Beine habe, kratzbürstete Crawford: „Weil sie mit dem Boss schläft!“
Das stimmte sogar - allerdings war Norma Shearer mit dem „Boss“, Metro-Goldwyn-Mayer-Produktionschef Irving Thalberg, auch verheiratet, und das sogar glücklich. Klar, dass ihr diese Verbindung beruflich nutzte.
Der Höhenflug endete 1936, als Thalberg im Alter von 37 an einer Lungenentzündung starb. Nach heftigem Streit mit MGM-Chef Louis B. Mayer um Geld und Thalbergs Testament beschränkte sich die kleine Mimin auf wenige Filme, leistete es sich sogar, ein Rollenangebot für „Vom Winde verweht“ auszuschlagen.
Lieber widmete sie sich Herzensangelegenheiten wie der detailverliebten Verfilmung „Marie Antoinette“ von 1938, finanziell ein Minusgeschäft. 1942, nach 20 Ton- und 40 Stummfilmen, kehrte Shearer der Tretmühle Hollywood den Rücken und lehnte sogar ein langfristiges Engagement bei Warner Brothers ab. Fürderhin wollte sie sich nur noch um ihre beiden Kinder kümmern. Ihr blieben gute Freunde, eine treue Fangemeinde, sechs Oscar-Nominierungen und ein Oscar, den sie 1930 für ihre Rolle in „The Divorcee“ als beste Darstellerin erhalten hatte.
1942, im ersten Urlaub nach der Karriere, lernte sie den Skilehrer Martin „Marti“ Arrougé kennen. Obwohl er 14 Jahre jünger war als sie, läuteten noch im gleichen Jahr die Hochzeitsglocken - und sie verschwand endgültig von der großen Bühne und aus den Klatschspalten.
Es gab einfach nichts mehr zu berichten. Außer vielleicht, dass sie in den 50ern die junge, talentierte Janet Leigh („Psycho“) entdeckte. Ein Fotograf erwischte das zurückgezogen lebende Ehepaar Norma und Martin Mitte der 70er in Beverly Hills - Hand in Hand beim Einkaufen. . . Nichts für die Klatschpresse.
Morgen vor 25 Jahren, am 12. Juni 1983, starb Norma Shearer im Alter von 80 Jahren in Kalifornien. 2008 winkt der quirligen kleinen Schönheit mit dem leichten Silberblick von einst allerdings Aufmerksamkeit: Im Herbst läuft in den US-Kinos eine Neuverfilmung von „The Women“ an, mit Meg Ryan (in Norma Shearers Rolle als Mary Haines) und Bette Midler. Die US-Presse fiebert schon: Wer von „Sex and the City“ nicht genug kriege, dürfe sich auf „The Women“ freuen, so die Los Angeles Times. Und im September gibts für Norma und Douglas, ihren oscarprämierten Bruder, ein Tontechniker, posthum den erstmals verliehenen „Canadian Legends Award“.
Das Ende ihres Lebens verbrachte Norma Shearer in ihrer ganz eigenen Welt, in der für Glanz und Glamour kein Platz mehr war. Wohl aber für ihren ersten Ehemann, wie einer ihrer letzten Besucher gerührt berichtete: Die Seniorin litt an Demenz, trug ihr schlohweißes langes Haar offen, ergriff seine Hand und fragte ängstlich: „Bist du Irving? Waren wir verheiratet?“
Ergreifender kann ein Spielfilm auch nicht enden. . .
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22. April 2012,
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