Von Heinz Büse, 25.06.08, 11:33h, aktualisiert 25.06.08, 11:37h
Taktisch-spielerische Defizite und die Personalnot machte das Team von Fatih Terim zuletzt mit einem unbändigen Kampfgeist wett. Nach drei Last-Minute-Siegen über die Schweiz, Tschechien und Kroatien strotzen seine Stehaufmännchen vor Selbstvertrauen. Angesichts dieser Qualitäten verbreitet sich nach Einschätzung der Zeitung «Yeni Safak» in Deutschland «Panik». Kurz vor dem Umzug aus Wien nach Basel dachte Verteidiger Gökhan bereits über den möglichen Finalgegner nach: «Im Endspiel würde ich am liebsten auf Spanien treffen.» Und der verletzt abgereiste Nihat tönte: «Meine Mannschaftskameraden werden die Panzer in die Knie zwingen.»
Die martialischen Worte dokumentieren den patriotischen Stellenwert des Fußballs in der Türkei. Die nationale Euphorie macht das Spiel in Basel für Staatspräsident Abdullah Gül und Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan zu einer Art Pflichttermin. Wie schon bei den bisherigen EM-Spielen wird auch am Mittwoch ein Porträt von Staatsgründer Atatürk neben der türkischen Bank stehen. «Das eigentliche Wunder ist, dass viele Türken unterschiedlicher Religion und Gesinnung unter einer Flagge feiern. Der Fußball vereint alle», sagte Terim.
Im Vergleich zu den Deutschen wähnt sich der WM-Dritte von 2002 im psychologischen Vorteil. Schließlich könnte der Underdog, der voraussichtlich auf neun verletzte oder gesperrte Spieler verzichten muss, eine Niederlage eher verschmerzen. «Was wir bisher erreicht haben, ist ein großer Erfolg. Deshalb werden wir befreit aufspielen», kündigte der in Gelsenkirchen geborene Altintop an. Und auch Terim verschwendet keinen Gedanken an eine vorzeitige Abreise: «Meine Spieler und ich haben nicht das Gefühl, dass unsere Mission schon beendet ist.»
Die Aussicht auf den größten Erfolg in der türkischen Fußball-Geschichte hilft über die vielen personellen Rückschläge hinweg. Nicht zuletzt deshalb hielt sich das Wehklagen über die Bestätigung der Zwei-Spiele-Sperre von Volkan in Grenzen. Trotz des Notstandes ließ sich die Disziplinarkommission der UEFA am Montagabend nicht erweichen und verweigerte den Stammtorhüter einen Einsatz im Halbfinale.
Deshalb muss Ersatzmann Rüstü auch gegen Deutschland ran. Der 35 Jahre alte Routinier, der ähnlich wie sein deutscher Widersacher Jens Lehmann in seinem Club nicht zur Stammelf zählt, hatte gegen Kroatien mit einem kapitalen Schnitzer die 1:0-Führung des Gegners eingeleitet, aber mit der entscheidenden Elfmeter-Parade für das umjubelte Happy End gesorgt. Die Hoffnung auf ein Comeback von Mittelfeldspieler Emre Belözoglu (Newcastle United) waren vergebens: «Er wird definitiv nicht spielen können», sagte Terim. Seine vielbeachtete Aussage, Ersatzkeeper Tolga gegebenenfalls in der Schlussphase des Spiels als Feldspieler einzusetzen, bezeichnete der Coach als «Witz». «Ich wollte damit nur auf unsere Lage aufmerksam machen.»
Der Blick zurück stärkt die Türken in ihrem Glauben an den nächsten Coup. Schließlich gab es in den vergangenen drei Vergleichen mit der DFB-Elf keine Niederlage. In der Qualifikation für die EURO 2000 glückte in Bursa ein 1:0, in München ein 0:0. Und auch beim bisher letzten Länderspiel am 8. Oktober 2005 setzten sich die Türken in Istanbul 2:1 durch. Für Altintop ist ein Sieg deshalb deshalb gar nicht so abwegig. Doch so ganz kann er sich mit seinem Verweis auf die griechische Erfolgsstory doch nicht anfreunden: «Ich finde, dass wir besser Fußball spielen als sie.» (dpa)
| JETZT BESTELLEN! 4 Wochen Rundschau zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%. |
|
Anzeige