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Mannheimer Moschee

Auf steinigem Wege zur Integration

Von Anneke Schaefer, 02.07.08, 23:12h, aktualisiert 03.07.08, 15:18h

Wie die Moscheegemeinde in Mannheim sich aus ihrem Hinterhof-Dasein befreit hat. Das Gebetshaus gehört zu den größten seiner Art in Deutschland und setzt auf Öffnung. Die Meinungen, ob das gelingt, sind allerdings unterschiedlich. In den 90er Jahren gab es ähnliche Diskussionen, wie sie derzeit in Köln stattfinden.

Ein Steuerberaterbüro, eine türkische Bäckerei. Erst als ich den Kopf weit nach hinten neige, sehe ich das weiße schlanke Minarett, das neben der Liebfrauenkirche in den Himmel ragt. Frauen-Eingang steht über einer Tür. Sie ist verschlossen, also nehme ich unsicher den Haupteingang. Ein älterer Mann schlurft vorbei. Stille. Links ein Marmorbrunnen für die rituellen Waschungen, der Eingang zur Cafeteria. Rechts das Vorstandsbüro mit Bibliothek. Einen Schritt nach vorn beginnt der Teppich, den darf man nicht mit Schuhen betreten. Ich ziehe die Schuhe aus, lege mir einen Schal um den Kopf, weil auch darum ein Schild bittet. Eine Treppe führt nach oben in den Gebetssaal. Niemand ist hier. Über mir die prächtige, mit goldenen Koranversen verzierte Kuppel.

Kopftuch ist

keine Pflicht mehr

Das muslimische Gebetshaus in Mannheim ist eines der größten in Deutschland. An Feiertagen kommen bis zu 2500 Menschen in den Gebetsraum, täglich lassen sich Schulklassen und Gruppen von den Moscheeführern Grundzüge des Islam erklären. Ein Teil des Konzepts der „Offenen Moschee“, das seit Mitte der 90er Jahre deutschlandweit Schlagzeilen machte. Wer das Gebäude besichtigen möchte, kann einfach eintreten. Auch das mit dem Kopftuch wird in letzter Zeit nicht mehr so genau genommen.

Das war nicht immer so. Die Mannheimer Moscheegemeinde musste sich erst aus einem Hinterhofambiente befreien und den Kuppelbau mit dem Minarett gegen den Widerstand der Bevölkerung durchsetzen. „Seit den 70er Jahren ist die Moschee hier, nie hat sie einer betreten“, sagt Moscheeführer Talat Kamran. Erst durch den Neubau kamen die Besucher: Zehntausend allein zur Eröffnung 1995, mittlerweile dürften es über 300 000 gewesen sein.

Minaretthöhe, Überfremdung, Parkplatzprobleme - die Argumente in der Diskussion waren in den frühen 90ern die selben, wie sie es heute in Köln und anderen Großstädten sind (siehe unten). „Die Menschen hatten keine Erfahrung im Kontakt mit den Muslimen. Was sie wussten, stammte aus den Büchern von Karl May“, erinnert sich Quartiermanager Michael Scheuermann.

Ortstermin mit einem ehemaligen evangelischen Pfarrer. Auf Vorschlag des Moscheesprechers treffe ich Ulrich Schäfer, heute erster Vorsitzender des Instituts für deutsch-türkische Integrationsstudien. Die Zusammenarbeit ist eng. Probleme sieht der dürre Mann mit dem wirren blonden Haar heute nicht mehr. Im Gegenteil. Mit untergeschlagenen Beinen sitzen wir auf dem rosa Teppich unter der Kuppel. Schäfer betont freimütig die Gemeinsamkeiten von Christentum und Islam, kann selbst aus dem Koran zitieren und die Verse an der Decke übersetzen. Moscheesprecher Faruk Sahin kommt später dazu. Die Moschee tue viel für die Integration, sagte er, berichtet von Sprachkursen und Sozialberatung für Frauen, Hausaufgabenbetreuung und Jugendleiterausbildung. „Mehr geht nicht“, sagt er, „alles was wir machen, ist ehrenamtlich.“

Rückblick: Als Anfang der 90er Jahre die Pläne für den Neubau der Moschee auf dem Tisch lagen, bildete sich ein Gesprächskreis, an dem Mitglieder der christlichen Gemeinden des Viertels und Muslime teilnahmen. Erstmals entstand ein Ort, an dem man sich näher kam. Eine Entwicklung, die sich auf die ganze Stadt übertrug.

Über Streitpunkte wie die Höhe des Minaretts lacht Schäfer heute nur noch, findet solche Details „nicht wichtig“. Als SPD-Stadtrat will er sogar einen Antrag stellen, zum Freitagsgebet bald den Muezzin-Ruf zuzulassen. In anderen Städten wohl undenkbar. Auch „christlich-islamische Schulgottesdienste“ werden gefeiert, der katholische Bischof drücke da ein Auge zu. „Ich habe hier Narrenfreiheit“, schmunzelt Schäfer. Mittlerweile gibt es in Mannheim auch Islamunterricht in deutscher Sprache, ein Thema das noch vor zehn Jahren für viel Unmut gesorgt hatte.

Der Historiker Rainer Albert winkt verärgert ab, als ich ihn auf die „Offene Moschee“ anspreche. Ein Foto von früher zeigt ihn noch ganz anders. Stolz stand er 1997 neben dem heutigen DITIB-Sprecher Bekir Alboga, als das Institut für die erfolgreiche Integrationsarbeit den mit 75 000 Mark dotierten Karl-Kübel-Preis bekam. Der blonde Mann mit dem durchdringenden Blick erinnert sich: Damals funktionierte die Zusammenarbeit mit dem liberalen Vorstand des zur DITIB gehörenden Moscheeträgervereins „Islamischer Bund Mannheim“ wunderbar. Hunderte wurden täglich durch die Moschee geführt. Mit dem Kultusministerium war man sich einig, an der Jungbuschschule Islamunterricht zu geben.

Gegenwehr des

türkischen Konsuls

Doch plötzlich schaltete sich der türkische Konsul ein und wehrte sich gegen das „deutsche“ Institut in der türkischen Moschee. Der Vorstand wechselte, nach Anfeindungen auf der Straße verließ Albert das Institut. Heute arbeitet er als Historiker an der Jesuitenkirche. „So lange die deutschen Moscheen nicht unabhängig von der Türkei werden, kommt die Integration nicht voran“, meint er.

Und tatsächlich ist der Weg der Integration steinig. Die Designerin Gertrud Schrenk lebt im Jungbusch, weil sie die multikulturelle Atmosphäre des „kleinen Kreuzbergs“ anzog. In einer großzügigen Altbau-Wohnung hat die Künstlerin ihr Atelier, doch ihre Computer-Kurse für Mädchen, die sie ehrenamtlich anbietet, finden in einem Container am Neckar satt. Vier Rechner stehen hier, an den Wänden hängen Popstar-Poster, ein Mädchen, deren Eltern aus Rumänien stammen, trällert Michael Jackson. Schrenk beobachtet bei ihren „buschgirls“ täglich den „Rassismus“ im Viertel. Egal ob Kneipen oder Geburtstagsfeiern, die Lebenswelten laufen komplett nebeneinander her. „Ich kann nicht mitansehen, wie chancenlos die Jugendlichen sind“, sagt sie. Intensiv betreut sie etwa die 17-jährige Nuriye. Die Deutsch-Türkin kämpft dafür, auf dem Gymnasium zu bestehen. Auf dem Elternsprechtag war ihre Mutter die einzige, die ein Kopftuch trägt. Mehrmals hat Gertrud Schrenk versucht, mit der Moschee in Kontakt zu kommen, hat für ihre Kurse geworben. „Doch die fördern eben ihre eigenen Projekte“, sagt sie. Quartiermanager Scheuermann lobt hingegen die Zusammenarbeit, vor allem seit ein Generationenwechsel stattgefunden hat. Moschee-Vertreter beteiligen sich heute an den Stadtteilkonferenzen, auch wenn es nicht explizit um die Muslime geht.

Rund 300 Mitglieder hat der Trägerverein, der den vier Millionen Euro teuren Bau finanziert hat. Mittlerweile sind die Schulden fast abgetragen. Doch nicht nur darauf ist man stolz: Auch die Deutschen im Viertel sprechen von „unserer Moschee“, sagt Talat Kamran.



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