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Großdemonstration blieb friedlich

Von DIETER BROCKSCHNIEDER, 14.07.08, 07:18h

Duisdorf am Samstagmorgen zur Haupteinkaufszeit: Die Straßen leer, viele Geschäfte geschlossen: „aus gegebenem Anlass“, teilt einer seinen Kunden mit. Der...

BONN. Duisdorf am Samstagmorgen zur Haupteinkaufszeit: Die Straßen leer, viele Geschäfte geschlossen: „aus gegebenem Anlass“, teilt einer seinen Kunden mit. Der „gegebene Anlass“: ein neonazistisches „Aktionsbüro Mittelrhein“ hat zu einer Kundgebung vor der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien in der Rochusstraße aufgerufen, ein breites Bündnis „Kein Fußbreit den Faschisten“ eine Gegendemonstration organisiert. Die Polizei sperrt den Stadtteil weiträumig ab, den Einzelhändlern fehlen so die Einkäufer. Ein Reisebüro in der Fußgängerzone schließt um 11 Uhr die Tür, Optiker und Goldschmied nebenan sind gleich zu Hause geblieben, nur der Lottoladen hat auf: „Wegen der Spieler“, sagt der Inhaber.

Ein Passant wundert sich: „Es herrscht eine Ruhe wie in der Kirche“ - wären nicht die Hubschrauber von Bundes- und Landespolizei, die seit dem frühen Morgen über dem Hardtberg kreisen und wegen deren Lärm, sich ein Anwohner beim Bürgertelefon der Stadt beschwert. Überall steht Polizei in Bereitschaft, am Bahnhof hat sie ein Lager aufgebaut mit Zelten, Funkmasten, Rettungswagen; in einer Nebenstraße stehen zwei Wasserwerfer. Streifenwagen parken rund um die Bahnstation, sie kommen nicht nur aus Bonn. Polizeiführer Gerd Baltes hat 1000 Bonner Beamte unter seinem Kommando, dazu Kollegen aus anderen Kreispolizeibehörden; so regeln Kradfahrer aus Euskirchen den Verkehr in Endenich. Die Bundespolizei ist mit Einheiten aus Sankt Augustin und Bayern vor Ort. Alles in allem dürften rund 2000 Ordnungskräfte im Einsatz sein.

Sie warten auf den Zug der Voreifelbahn, der gegen 12 Uhr eintreffen soll. Die Bundespolizei hatte die Strecke zwischen Hauptbahnhof und Duisdorf vorab kontrolliert und nach Angaben von Pressesprecher Günter Ahr Farbbeutel entdeckt, die von einer Brücke baumelten. Unbekannte hätten darüber hinaus an einer Stelle das Schotterbett unter dem Gleis entfernt, um sich dort anketten zu können.

Bereits gegen 9 Uhr ist die Gegendemonstration des „Bündnisses gegen Rechts“ vom DGB-Haus aus nach Duisdorf gezogen. Nach Angaben der Polizei ziehen 2500 Teilnehmer, darunter unter anderem Oberbürgermeisterin Bärbel Dieckmann, der SPD-Vorsitzende Ernesto Harder, der SPD-Bundestagsabgeordnete Ulrich Kelber und DGB-Regionsvorsitzender Ingo Degenhardt zur Kreuzung Hermann-Wandersleb-Ring / Provinzialstraße, wo eine Bühne aufgebaut worden ist. Hier findet die Kundgebung statt, die sich gegen den Aufmarsch der Rechten richtet.

Kurz nach 11 Uhr kommt es zu einem Zwischenfall: Eine laut Polizei „militante Splittergruppe“ mit 100 bis 200 jungen Menschen löst sich aus der Gruppe der bürgerlichen Protestierer und stürmt ins Messdorfer Feld, um von dort zum Bahnhof zu gelangen. Diese Route aber ist als Demonstrationsweg nicht genehmigt. Polizisten setzen nach, werden mit Flaschen, Steinen und Farbbeuteln beworfen. 75 Personen werden gegriffen und auf der Kreuzung stundenlang festgesetzt, bis ihre Personalien überprüft worden sind. Einige sprechen später von „Polizeikessel“. Kundgebungs-Mitorganisator Manfred Stenner nennt den Polizeieinsatz „rigoros“. Wer aus dieser Umzingelung auf die Toilette muss, wird von zwei Polizeibeamten, deren Kleidung von weißer Farbe beschmiert ist, zu einem Dixie-Klo geführt.

Gegen Mittag trifft die Regionalbahn 23 am Bahnhof Duisdorf ein, Polizisten mit Helm und schwerem Anzug eskortieren etwa 100 Neonazis aus den zwei Waggons - junge Leute zumeist. Sie werden zu einem Zelt geführt, wo ihre Rucksäcke durchsucht werden. Weitere Züge bringen weitere Dunkelgekleidete, so dass schließlich etwa 200 gegen 14 Uhr aufbrechen zur Bundesprüfstelle. Eine Mahnwache von mehreren hundert Gegendemonstranten, die an der Ladestraße steht, reagiert mit „Nazis raus!“-Rufen und lauten Pfiffen. Sie ziehen durch einen weitgehend zuschauerfreien Bezirk, die Leute vom „Aktionsbüro“ und ihre uniformierten Begleiter. Nur mehrere Dutzend Antifa-Leute äußern, etwa in der Ludwig-Richter-Straße, laut ihren Unmut. Ein paar ausländische Mitbürger, die „Nazis raus!“ skandieren, bekommen von den Marschierern „Abschieben!“ zu hören. Grobe ausländerfeindliche Parolen hat die Polizei verboten.

Der Aufmarsch endet am Gebäudekomplex des Familienministeriums, in dem die Bundesprüfstelle ihre Büros hat; doch dort ist niemand, um zu hören, warum das „Aktionsbüro Mittelrhein“ „gegen staatliche Zensur“ ist. 50 Meter weiter befindet sich die Bühne des „Bündnisses gegen Rechts“, aber beide Seiten werden durch Absperrgitter und Kräfte der Einsatzhundertschaft, die eine Pufferzone bilden, voneinander getrennt.

Gegen 17 Uhr, als auf der Bühne gerade die „Chicago Heymarket Riders“ RocknRoll spielen, machen die Rechtsextremen kehrt und werden zum Bahnhof zurückgeführt. Der Abmarsch wird jedoch von der Polizei gestoppt, da während der Veranstaltung indizierte Lieder gespielt worden sind. Die Beamten beschlagnahmen sechs DVDs und acht CDs, Strafverfahren werden eingeleitet.

Nun ziehen auch die Gegendemonstranten ab. Um 18.30 Uhr hebt die Polizei die Absperrungen auf. Duisdorf ist keine Geisterstadt mehr. Kommentar, Seite 34



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