Schriftgröße

Günter Wallraff

Berichte aus verborgenen Bezirken

Von Brigitte Schmitz-Kunkel, 31.07.08, 19:42h

Wie Günter Wallraff sein eigenes Genre des dokumentarischen Schreibens erfand. Die Erneuerer der deutschen Literatur nach dem Krieg waren den jungen 68ern nicht konsequent genug in der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und mit der bundesdeutschen Gegenwart.

„Ich war eigentlich kein typischer 68er“, sagt Günter Wallraff, „meine Anfänge lagen vor 68 und meine wichtigen Arbeiten danach.“ Dabei war schon 1967 eine Gruppe von Studenten bei einer Tagung der Gruppe 47 aufgetaucht und hatte deren renommierten Preis für ihn gefordert, erzählt er beim Blick in jene wilden Jahre.

Er bekam den Preis zwar nicht, der Kölner Schriftsteller und Publizist, der damals seine eigene Art der „dokumentarischen Literatur“ begründete. Für die Gruppe 47 aber sollte es die letzte Tagung werden. „Zu ihrem eigenen Erstaunen“, so Wallraff, geriet nämlich die einflussreiche Vereinigung von Literaten wie Günter Grass, Heinrich Böll, Alfred Andersch, Ingeborg Bachmann, Günther Eich, Walter Höllerer in eine Krise. Die Erneuerer der deutschen Literatur nach dem Krieg waren den jungen 68ern nicht konsequent genug in der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und mit der bundesdeutschen Gegenwart. „Plötzlich wurden sie mit einer Bewegung konfrontiert, und ihr eigener Anspruch wurde ihnen suspekt.“

Der gelernte Buchhändler Günter Wallraff kam nicht aus der Studentenszene, war kein Intellektueller. „Deren Dogmatismus, diese erstarrte Theorielastigkeit“ waren ihm fremd. „Das mindeste, was man sein musste, war ja Marxist. Wegen solcher Denkverbote wollte ich mit den Linken nicht gern. Daher hab ich mich klein gemacht und behauptet, ich hätte den Marx nicht gründlich genug gelesen. Hatte ich zwar doch, und finde ihn auch heute noch sehr aktuell, aber daraus eine Ideologie zu machen, lag mir fern.“

Während Hans Magnus Enzensberger 1968 im berühmten „Kursbuch“ Folge 15 den „Tod der Literatur“ verkündete, nämlich das Ende der bürgerlichen Ästhetik und der „L'art pour l'art“, las Wallraff weiter Gedichte - „das habe ich nie verworfen“. Als Autor aber machte sich Wallraff auf in den grauen Alltag.

Nachdem er Mitte der sechziger Jahre in Fabriken gearbeitet hatte, erschien 1966 sein erster Band mit Reportagen: „Wir brauchen dich. Als Arbeiter in deutschen Industriebetrieben“. Entdeckt wurde das Buch erst um 68 und dann sogar in Schulen gelesen. „Die Stärke dieser Arbeiten: Sie waren scheinbar naiv. Man konnte staunen über etwas, was andere schon hingenommen hatten“, so Wallraff.

1969 gründete er mit Erika Runge, Erasmus Schöfer und Peter Schütt den „Werkkreis 70“, aus dem bald der „Werkkreis Literatur der Arbeitswelt“ hervorging. Typisch Wallraff: Vorbilder für die Industriereportagen waren nicht etwa die gerade so kultisch verehrten Marx und Engels, sondern „französische Arbeiterpriester, die aus der katholischen Kirche gedrängt wurden, weil sie so nah an der Realität waren. Und das Büchlein, ,Junge Pfarrer berichten aus der Fabrik hat mich inspiriert. Ich hatte auch ein urchristliches Motiv“.

Vielleicht führte auch das zu einer der berühmtesten seiner „13 unerwünschten Reportagen“, die der junge Kölner Verleger Reinhold Neven Du Mont 1969 mit Mut und Weitsicht in seinem Verlag „Kiepenheuer & Witsch“ veröffentlichte. Titel: „Napalm? Ja und Amen“ - denn so lautete das Ergebnis von Wallraffs Recherche. Nach Berichten über die verheerenden Folgen der US-amerikanischen Napalm-Angriffe in Vietnam hatte er sich bei Spitzentheologen als katholischer Chemiefabrikant ausgegeben, der die Gewissensfrage stellt. Bilanz: Fast alle rieten ihm zu, Moral und Menschenwürde zu ignorieren. „Das hat in der katholischen Kirche einige Diskussionen ausgelöst. Pax Christi etwa hat sich sofort hinter mich gestellt.“

Der Autor teilte das Aufbegehren der 68er, den Protest gegen eine Gesellschaft, die Schuld verdrängte und viele Protagonisten des Nationalsozialismus immer noch an der Macht hielt. Wallraff hatte als „Obdachloser“ in Männerasylen gelebt, sich als „Alkoholiker“ in die Psychiatrie einweisen lassen, als „Ministerialrat Kröver“ die Existenz illegal bewaffneter „Werkselbstschutz-Einheiten“ nachgewiesen. Er hatte sich als Bürobote in die für die oberen Herrschaften reservierten heiligen Kantinenhallen von Gerling eingeschlichen und es geschafft, auf den Schreibtisch des Patriarchen zu klettern und sich dort fotografieren zu lassen.

Über all das hatte er „unerwünschte Reportagen“ und mehr geschrieben - sehr oft mit einem hintersinnigen schwejkschen Witz, den weder die bierernsten 68er noch seine Kritiker je erkannten: „Die haben das nie komisch gefunden, sondern mich auf den Agitator festgelegt.“

Immerhin, Schriftsteller wie Peter Schneider rühmten Werk und Stil des jungen Kollegen, der „direkte Informationen aus den verborgenen Bereichen der Gesellschaft liefert“. Und zwar auf der Basis eigener Erfahrungen. Das war wirklich neu (und so speziell, dass seine Methode des Under-Cover-Recherchierens in einer jüngeren Dissertation mit der Wortschöpfung „wallraffen“ geadelt wurde). Mitte der 60er Jahre, erinnert sich Günter Wallraff, habe der Germanist Walter Jens festgestellt, die deutsche Nachkriegsliteratur vermittle den Eindruck, der Mensch lebe in einem Zustand des ewigen Feierabends. „Das Profanste, was eine Figur sein durfte“, so Wallraff, „war Architekt, ansonsten waren das alles ganz besondere Menschen. Bewegungen wie der ,Werkkreis Literatur der Arbeitswelt haben mit dazu beigetragen, die Realität thematisch ins Blickfeld zu rücken“.

1968 - das war auch eine Lebenshaltung. „Ohne die 68er hätte sich die Gesellschaft nicht so schnell erneuert, und es war ja eine weltweite Bewegung“, erinnert sich der Autor.

Was ist geblieben vom Schwung jener Jahre? „Ich habe wohl viele beeinflusst“, resümiert Wallraff nicht ohne Stolz, „ich begegne ständig Menschen, die sagen, meine Literatur habe dazu geführt, dass sie sich mehr engagierten, Zivilcourage gezeigt haben. Also: Ich selbst bin ein Beispiel dafür, dass Literatur zur Lebenshaltung werden kann.“

Und die führt zu neuen Taten: Mit aufwändigen Under-Cover-Reportagen etwa in „Die Zeit“, für die Wallraff sich in die Niederungen des Arbeitslebens im Call Center oder einer Discount-Bäckerei begeben hat. „Das macht Spaß. Wenn ich gefordert bin, wachse ich schon mal über mich hinaus“, erklärt Wallraff, der sich über die enorme Resonanz vor allem auch bei Jüngeren freut. „Plötzlich kommt da wieder ein soziales Gespür - weil aber auch die Verhältnisse sich wieder so dramatisch nach unten entwickeln.“ Solange die Kräfte mitspielen, wolle er diese Arbeit noch machen, sagt der 65-Jährige.

1968 habe die Gesellschaft im positiven Sinne langfristig verändert, findet Wallraff, „heute mache ich mir nur das Lager-Denken zum Vorwurf“. Die Verhältnisse in der DDR habe man bei aller internen Kritik nie öffentlich thematisiert, um nicht den Rechtskonservativen in die Hände zu spielen. Heute bekomme das jeder gesagt, der den Islam kritisiert. „Davon mache ich mich frei: Ich trete einerseits mit meinem ganzen Werk für Integration ein. Ich bin für den Moschee-Bau. Aber da, wo im Namen des Islam Menschenrechtsverletzungen begangen und Denkverbote ausgesprochen werden, sage ich das. Das ist für mich die Lehre aus der 68er-Bewegung.“



Die Kölnische Rundschau im Abonnement erhalten JETZT BESTELLEN!
4 Wochen Rundschau zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%.

Newsticker


Anzeige


Veranstaltungssuche

 

Veranstaltungs-Tipps

Manic Street Preachers

22. April 2012,
E-Werk Köln

 

Kino & Film - Suche


Bildergalerien


Videonews Kultur


Extra


Rundschau-Service


RHEINLAND WETTER


Extra


Dienste