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Die 68er Generation

Das mächtige Rascheln im Blätterwald

Von Torsten Sülzer, 07.08.08, 19:13h

Immer mehr Wissenschaftler betrachte die 68er lediglich noch als eine Medienrevolution. Die Revolutionäre damals lernten schnell Fernsehen, Radio und Zeitung für sich zu nutzen.

68er Revolution
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Besucher des legendären Rock-Festivals in Bethel, New York (Bild: dpa)
68er Revolution
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Besucher des legendären Rock-Festivals in Bethel, New York (Bild: dpa)
Die Achtundsechziger - nichts als ein aufgeblasenes Medien-Ereignis? Der Philosoph Uwe C. Steiner sagt sogar, ohne Fernsehen hätte es die ganze Bewegung nicht gegeben.

Ex-Spiegel-Chef Stefan Aust findet, die 68er-Bewegung war „in wesentlichen Aspekten eine Medien-Revolte“. Besonders das Fernsehen habe als wichtige Plattform gedient. Fest steht: Die Revolutionäre in spe lernten fix, die Medienlandschaft der späten 60er Jahre zu instrumentalisieren.

„Anfangs“, erklärt Medienwissenschaftlerin Dr. Kathrin Fahlenbrach von der Uni Halle, „setzten die 68er auf alternative Medien: Flugblätter, eigene Zeitungen. Dann bemerkten sie erstaunt, wie sehr die Medien auf ihre Form der öffentlichen Inszenierung von Protest, auf diese symbolischen Protestformen reagiert haben - und stellten sich darauf ein.“

Etwas kam ihnen dabei entgegen: „Mit Blick auf die sechziger Jahre spricht man von der großen Medienrevolution“, sagt Prof. Stefan Greif, Literaturwissenschaftler an der Uni Kassel. Er verweist auf die seinerzeit jungen TV-Kanäle: 1963 war das ZDF auf Sendung gegangen, bis Ende 1965 vier Dritte Programme, darunter das WDR-Fernsehen. „Das Bewusstsein, dass es 68 gibt, ist erst mit den Medien ins Land transportiert worden. Sie waren also ein wichtiger Multiplikator. Und besonders das Fernsehen hat zu einer Emotionalisierung des Publikums beigetragen“, so Greif.

Leicht nachvollziehbar, dass spektakuläre, wenn auch inszenierte Bilder den Fernsehleuten - wie auch den Machern von Illustrierten wie „Stern“ oder „Quick“ - entgegen kamen. „Der Erfolg und die Wirkung von 1968“, so Fahlenbrach, „war ganz wesentlich an die Interaktion mit den Massenmedien gekoppelt.“

Als eine der ersten Inszenierungen der „Kommune I“ um Fritz Teufel, Rainer Langhans und Dieter Kunzelmann gilt das im April 1967 geplante „Pudding-Attentat“ auf US-Vizepräsident Hubert Humphrey in Berlin. Dazu kam es zwar nicht, weil die Polizei die Puddingwerfer vorher festnahm - aber die Medien hatten ihre Geschichte. „Bombenanschlag auf US-Vizepräsidenten“, titelte heillos übertrieben die „Bild“-Zeitung. Ein gefundenes Fressen für die 68er, die ihre Vorbereitungen später medienwirksam für das Fernsehen nachstellen durften.

Greif: „Damit wusste man: Subversive Aktionen funktionieren. Selbst arrivierte Zeitungen wie die Zeit' sind auf das Puddingattentat hereingefallen.“ Stefan Greif formuliert es als These: „Was 1968 von anderen Protestbewegungen so eminent unterscheidet, ist, dass 1968 das gesellschaftliche Leben als Lebenslüge durchschaut und diese Inszenierung mit teilweise spektakulären, medienwirksamen Aktionen parodiert hat. Deswegen haben wir sie heute noch in unserem historischen Bewusstsein.“

Die Langhans-Fraktion hatte also ihren Bogen raus, fühlte sich in der Rolle der fröhlichen Revoluzzer zudem sichtlich wohl. Aber wie hat es Rudi Dutschke zu seiner Allgegenwart in Presse und Rundfunk gebracht - ein Mann, der vielen Spätgeborenen wie eine schlecht gekleidete Phrasenschleuder vorkommt?

Dutschke, so Kathrin Fahlenbrach, passierte das eher unfreiwillig. „Er hatte dieses unglaubliche Charisma und entsprach so ganz der Vorstellung vom romantischen Idealtyp des Revolutionärs. Den haben die Medien entdeckt, ihn sozusagen vereinnahmt und an ihm die politische Bewegung stark personalisiert.“

Wie jetzt?! Rudi Dutschke, eine Symbol-Figur aus Zufall? Das nun auch wieder nicht: Zwar habe es im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) mehrere Führungspersönlichkeiten gegeben, so Fahlenbrach, aber Dutschke war für die Medien wegen seines revolutionären Auftretens am attraktivsten. Deshalb sei er in der Öffentlichkeit als Leitfigur wahrgenommen worden.

Klar ist, dass die Medien sich des Protest-Phänomens je nach eigenem Hintergrund unterschiedlich annahmen. „Es gab da die Boulevard-Medien, die auf das Spektakuläre abzielten, die die 68er entsprechend negativ bewerteten und dadurch natürlich polarisierten“, erklärt Kathrin Fahlenbrach, „es gab aber auch die bürgerlichen und die liberalen Medien, die immer wieder versuchten, auch die Hintergründe der Proteste zu verstehen.“

Dazu passt, dass etwa die Kölnische Rundschau - nach dem Attentat auf Dutschke - im April 1968 dem in Köln ansässigen revolutionären „Republikanischen Club“ mehrmals Platz gab, um unzensiert Texte zu veröffentlichen. „Das überrascht mich nicht“, sagt Fahlenbrach. „Auch die FAZ hat relativ differenziert über den politischen Teil der Achtundsechziger berichtet und nach dem Attentat zur Besonnenheit aufgefordert.“

Axel Springer und seine „Bild“ waren hingegen die Buhmänner für die 68er, die sich kampagnenartig verfolgt fühlten und den Spieß kurzerhand umdrehten. Rufe wie „Haut dem Springer auf die Finger“ waren die harmloseste Protestform. Es folgte die Forderung, Springer zu enteignen; Studenten versuchten, „Springer“-Blätter an der Auslieferung zu hindern. Nach dem tödlichen Schuss auf Benno Ohnesorg, für den viele die „Springer-Hetze“ verantwortlich machten, gingen 68er aktiv gegen Springer-Häuser und - Redaktionen vor.

Kathrin Fahlenbrach glaubt, das permanente Rascheln im Blätterwald habe bei vielen Demonstranten zu einer Art Selbstüberschätzung geführt. Denn aller „Spaßguerilla“-Aktionen mit ausgiebiger Berichterstattung zum Trotz: Eine Revolution fand nicht statt.



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