Von Gerd Korinthenberg, 08.10.08, 19:55h
In den Krefelder Museen Haus Lange / Haus Esters gibt sich der teuerste Fotograf der Gegenwart nun eher bescheiden: Rund 130 Fotografien aus 28 Jahren sind zu sehen, die der Superstar der Kamera meist kaum größer kopiert hat als es zwei nebeneinander gelegte Briefbögen wären.
Der nahezu enzyklopädische Blick auf Gurskys Produktion seit Essener Studentenzeiten und in der legendären Becher-Klasse der Düsseldorfer Akademie ist in den beiden Krefelder Bauhaus-Villen zu sehen. Dann wandert die ungewöhnliche Ausstellung nach Stockholm und Vancouver weiter.
Krefeld werde zu einer Zäsur in seiner Arbeit, sagte der 53-Jährige. 2009 werde es eine „kreative Pause“ ohne Ausstellungen geben, dafür aber mit genügend Zeit zum Nachdenken über neue Bild-Strategien. Die Krefelder Kleinbild-Retrospektive macht aufregend deutlich, wie sich der Akademie-Meisterschüler Gursky an der Ästhetik der kühlen Industrie-Fotos von Bernd und Hilla Becher „abarbeitet“. Er sei von dem legendären Fotografen-Paar anfangs doch „sehr beeinflusst und ihm eher hörig gewesen“, sagt Gursky. Die spröde Aufnahme „Gasherd“ (1980) oder die Interieurs deftiger Düsseldorfer Bierkneipen stehen ganz in Bechers neusachlicher Seh-Tradition. Bisher nie gezeigte und noch mit der Plattenkamera fotografierte Konzern-Pförtnerlogen erscheinen von fern als Gesellschaftsstudien fast in der Prägung August Sanders.
Mit winzigen Wanderern kommt im Motiv „Klausenpass“ 1984 erstmals der Mensch im Miniformat ins Spiel, der auch noch im aktuellen und gewohnt wandfüllenden Foto-Tableau „Kathedrale“ als verlorenes Grüppchen - darunter Wim Wenders - in Krefeld zu entdecken ist. Ihm gehe es nicht um das Individuum, sondern eher sozialgeschichtlich um ein zeitgemäßes Abbild der „Spezies Mensch“, erläutert der Künstler. Ebenso unverkennbar „Gursky“: Menschen als wimmelnde Masse, als bloßes Ornament - ob bei seinen sehr gefragten Börsenfotos, bei nordkoreanischen Parteitagshuldigungen und selbst noch bei der altmeisterlich komponierten Rennfahrer-Szene „Boxenstopp“ von 2007. Mit seinen imponierenden 6,09 Metern Länge und 2,23 Metern Höhe erinnert das aus mehreren Aufnahmen am Computer collagierte Bild der zwei emsigen Monteur-Gruppen pathetisch an barocke Schlachten- oder Altar-Malerei. Den Vorwurf, bei vielen Fotografien die Stilmittel der Malerei marktgängig zu plündern, kontert der Foto-Star: Es gebe bestimmte Kompositionsprinzipien, „auf die greift man als Künstler zurück“.
Auch den Kritiker-Einwand, mit massiver Computerbearbeitung, mit verschobenen Perspektiven oder verkürzten Bildräumen, auf deren magische Wirkung schon C. D. Friedrich gesetzt hat, den dokumentarischen Gehalt von Fotografie zu verraten, weist Gursky zurück. „Es ist ein grundlegendes Missverständnis, dass man Fotografie dazu verdammt, ein Abbild der Wirklichkeit zu sein“ - niemand würde das schließlich von der Literatur verlangen.
Wilhelmshofallee 91 und 97. Vom 12. Oktober bis 25. Januar. Di bis So 11-17 Uhr.
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