Von Jens Marx, 24.08.08, 10:39h
Peking -
Während Hockey-Trainer Markus Weise nach seinem historischen zweiten Olympiasieg nacheinander mit den Damen und den Herren bereits über die nächste «Gold-Generation» grübelte, skandierten seine lautstarken Jungs nach dem 1:0 (1:0)-Finalsieg über Angstgegner Spanien aus Leibeskräften immer wieder «Campeones, Campeones, olé, olé, olé». Um zu Begreifen, dass das Märchen im Reich der Mitte wahr wurde, braucht es aber noch einige Zeit. «Erst wenn ich mit der Medaille um den Hals wach geworden bin, weiß ich, dass das kein Traum ist», meinte Stürmer Matthias Witthaus. «Ich habe das irgendwie noch Null-Komma-Null realisiert», gab auch Klasse- Torwart Max Weinhold zu.
Immer wieder griffen die Weise-Schützlinge bei der Siegerparty zum goldenen Halsschmuck. «Wir sind unfassbar glücklich», strahlte Christopher Zeller, der mit seinem Treffer in der 16. Minute nach einer Strafecke dem Deutschen Hockey-Bund (DHB) den dritten Olympiasieg nach 1972 in München und 1992 in Barcelona und dem deutschen Sport das einzige Mannschafts-Gold bei den Spielen in Peking bescherte. «Wir haben die deutschen Tugenden gezeigt», betonte der Torschütze nach der taktisch-disziplinierten Meisterleistung gegen die Iberer, die zum dritten Mal ein Olympia-Finale verloren (1980, 1996 und 2008).
Deutschlands Trainer Weise indes gewann sein zweites Endspiel auf der größten Sportbühne der Welt. 2004 hatte er die als «Wundertüten» titulierten Damen auf den Olymp geführt, nun gelang es ihm mit den Herren. Dies schaffte bislang noch kein Hockey-Coach weltweit. Und Weise ist damit auch der erfolgreichste Trainer im deutschen Ballsport. «Mir persönlich ist das völlig egal, ob ich der erste Trainer bin, der mit Damen und Herren Gold gewonnen hat - mir ist wichtig, dass meine Mannschaft gewonnen hat», betonte Weise und erklärte einen Schlüssel zum Erfolg. «Es hilft Dir, wenn Du zwischendurch mal in der Klemme sitzt», meinte er mit Blick auf die schwachen Vorrundenauftritte gegen Belgien (1:1) und Südkorea (3:3).
Er rief die Mannschaft zu einer kleinen Aussprache auf. In einer Tiefgarage im Olympischen Dorf raufte sich das Team ohne den Trainer zusammen. Durch einen dramatischen Sieg im Siebenmeterschießen über die Niederlande zog sie ins Finale ein, in dem die deutsche Équipe den 1:0-Vorrundensieg über Spanien durch Zellers Strafecken-Tor wiederholte. Vor Olympia hatten die Iberer in diesem Jahr viermal nacheinander die Oberhand behalten. «Das Finale war wie ein Film und das Drehbuch auf uns zugeschrieben», meinte Witthaus.
Belohnt wurden die am 25. August auf dem Flughafen in in Frankfurt/Main erwarteten Protagonisten des packenden Peking- Schauspiels nicht nur mit Gold. Vor dem Mannschafts-Bus warteten schon einige der deutschen Hockey-Damen, um sie nach dem Gold-Triumph zu herzen. Die Enttäuschung über den eigenen vierten Rang der Olympiasiegerinnen von Athen einen Tag zuvor löste sich für ein paar Stunden in der Freude mit den Männern auf. Sie sangen gemeinsam schon auf dem Weg vom Olympic Green Hockey Stadium, wo der deutsche IOC- Vizepräsident Thomas Bach den deutschen Cracks die Medaillen überreichte, zum Deutschen Haus am Botschafts-Viertel. Ungläubig starrten chinesische Passanten in den proppenvollen Mannschaftsbus. «Nach der Hochzeit meiner Schwester ist das der schönste Tag in meinem Leben», sagte Kapitän Timo Weß.
Der 26-jährige Kölner gehörte wie acht andere Spieler schon zum WM-Erfolgsteam unter dem damaligen Coach Bernhard Peters, der auf der Tribüne mitgefiebert hatte. Wer nun in den neuen Olympia-Zyklus mit Weise und auf den Weg mit zur WM 2010 in Indien geht, soll sich in den kommenden Wochen und Monaten entscheiden. Tibor Weißenborn hatte zumindest angekündigt, zurücktreten zu wollen. «Einige werden sich mit dem Gedanken tragen», meinte Weise, dessen eigener am Jahresende auslaufender Vertrag unzweifelhaft verlängert werden dürfte. «Ab morgen gibt es diese Mannschaft nicht mehr», ergänzte Weise.
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