Von Claudia Lepping, 23.12.08, 22:09h
In der Politik geht es meist um Verteilungsgerechtigkeit. Wie sieht bei Ihnen an Weihnachten mit Verteilungsgerechtigkeit unter sieben Kindern aus?
Das gelingt nie hundertprozentig gerecht, wenn Sie meinen, dass jeder Geschenke im gleichen Wert bekommt. Ich versuche stattdessen für jedes Kind ein Thema zu finden, an dem es länger Freude hat. Das war leichter, als sie jünger waren. Ein Bobbycar ist auch gebraucht unverwüstlich. Heute geht das bei den Teenagern gut mit Büchern - auf Gebieten, wo ich nicht mehr das richtige Gespür habe, helfen Gutscheine, etwa wenn es um coole Klamotten geht. Ich versuche eine Mischung hinzubekommen.
Politik setzt auf „Gerechtigkeit durch Bildung“. Erleben Sie durch Ihre Kinder die Grenzen solcher Versprechungen?
Als Politikerin finde ich, dass Bildung hohe Priorität haben muss, und das kostet Geld. Unterm Strich bietet unser Land da mehr Möglichkeiten als die meisten anderen der Welt. Aber als Mutter von Schulkindern ärgere ich mich manchmal maßlos, wie viel am Elternhaus hängen bleibt: wenn Klassen über 30 Schüler haben, wenn Mathe und Physik zu oft ausfallen und die Kinder nicht wissen, wie sie die nächste Klassenarbeit hinbekommen sollen. Viele Eltern sind damit überfordert.
Wie viel Staat braucht eine Familie also?
Staat hat eine unverzichtbare Verantwortung auf den Feldern, die die einzelne Mutter oder der einzelne Vater nicht bewältigen kann. Das beginnt bei der Infrastruktur. Von der Schule erwarten Eltern zu Recht, dass dort nicht nur guter Unterricht stattfindet, sondern Kinder auch das Rüstzeug erhalten, um mit Zuversicht ins Leben zu starten. Ein anderes Stichwort: die Gesundheitsversorgung. Hier darf die Familie Schutz vor den großen Risiken erwarten. Der Staat ist aber auch zum Ausgleich verpflichtet. Eltern investieren viel Kraft, Zeit und Geld in ihre Kinder. Davon profitiert die gesamte Gesellschaft. Als Ausgleich dürfen sie zu Recht finanzielle Unterstützung erwarten. Wer soll denn in 30 Jahren die Lasten in unserer alternden Gesellschaft tragen? Das sind die Jungen, für deren intellektuelle, aber auch Charakterbildungschancen wir heute sorgen.
Es droht eine massive Wirtschaftskrise - erwarten Sie, dass für den klugen Staat künftig weniger Geld bleibt?
Im Gegenteil: Konjunkturprogramm ja! - aber vergesst die Familien nicht. Der Staat investiert in bleibende Werte. Kindergärten, Schulen und Hochschulen - das sind heute Investitionen, die über Jahrzehnte Innovation und Wirtschaftskraft bestimmen. Das Geld verpufft nicht wie bei einem Konsumgutschein, sondern entfaltet lange Wirkung. Oder Wohnumbauten, die es der schnell wachsenden Zahl älterer Menschen in unserem Land ermöglichen, so lange wie möglich in den eigenen vier Wänden zu bleiben.
Leistet sich Finanzminister Steinbrück ein Ohr für Familien?
Ja. Die Kanzlerin und der Finanzminister haben ein klares Verständnis dafür, dass sich gezielte staatliche Hilfen an der richtigen Stelle vielfach auszahlen. Leistungen wie das Elterngeld, der Kinderzuschlag oder der Ausbau der Kinderbetreuung helfen Menschen mit Kindern, die auf eigenen Beinen stehen wollen. Das verhindert, dass Familien in Armut rutschen, nur weil ein weiteres Kind geboren wird, und ermöglicht, dass sie ihr Einkommen verdienen, dann ja auch Steuern und Sozialversicherungen zahlen. So entsteht Zusammenhalt in der Gesellschaft und Wachstum in der Wirtschaft.
Ganztagsschulen waren lang verpönt, es gab kaum warmes Mittagessen. Sind die ideologischen Grabenkämpfe beendet?
Deutschland und Österreich sind die beiden letzten OECD-Länder, die sich noch Halbtagsschulen leisten. Heute haben die meisten begriffen, dass gutes Lernen gute Zeit braucht. Das können wir nicht auf die Mütter abwälzen, sie sind keine Englisch- und Physiklehrerinnen. Ganztagsschulen können daher helfen, den enormen Druck aus den Familien zu nehmen, Schule zu schaffen. Schule sollte mehr Zeit für gutes Lernen ermöglichen, im Idealfall gehört dazu ein warmes Mittagessen, Sport, mehrere Fremdsprachen, die erste von der ersten Klasse an, Kunst und Musik. Heute werden Ganztagsschulen mit großer Dynamik ausgebaut, und ich bin heilfroh, dass wir die ideologische Auseinandersetzung darüber begraben haben.
Was erwartet der Staat, salopp gesagt, im Umkehrschluss eigentlich von den Familien, indem er in sie investiert?
Jeder kann sich ausrechnen, dass wir auf die Kinder, die heute geboren werden, angewiesen sind. Wegen des demografischen Wandels stehen diese Kinder vor größeren Herausforderungen als unsere Generation. Sie werden mit großem Erfindungsreichtum, Fleiß und Verantwortungsbewusstsein enorme Lasten schultern müssen. Die neue Generation ist zahlenmäßig viel kleiner, jedes dritte Kind im Vorschulalter hat heute einen Migrationshintergrund, und wir Älteren werden später sehr viele sein. Dieses Szenario zeigt, wie wichtig es ist, dass diese Kinder das nötige emotionale und intellektuelle Rüstzeug mitbekommen.
| JETZT BESTELLEN! 4 Wochen Rundschau zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%. |
|
Anzeige