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Zum Tod von Harold Pinter

Fragezeichen statt Botschaften

Von Hartmut Wilmes, 26.12.08, 19:14h

Der britische Dramatiker und Theaterregisseur ist an Heiligabend im Alter von 78 Jahren an Kehlkopfkrebs gestorben. Über Jahrzehnte bot Pinter in seinen Werken ein absurdes Theater des Alltäglichen. 2005 erhielt er den Nobelpreis.

Harold Pinter mit 78 gestorben
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Der Autor Harold Pinter mit seiner Frau Lady Antonia Fraser vor dem Buckingham Palast in London - ein Archivfoto von 1999. (Bild: dpa)
Harold Pinter mit 78 gestorben
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Der Autor Harold Pinter mit seiner Frau Lady Antonia Fraser vor dem Buckingham Palast in London - ein Archivfoto von 1999. (Bild: dpa)
Harold Pinter hat sein Publikum jahrzehntelang unterhalten, herausgefordert und verstört. Dass er zuletzt nicht mehr ganz „up to date“ war, wusste er: „Ich habe 29 Bühnenstücke geschrieben. Ich glaube, das ist doch eigentlich genug“, sagte Pinter in einem Interview. So sah es auch die Stockholmer Jury, die ihn 2005 als „herausragendsten Vertreter des englischen Dramas in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts“ mit dem Nobelpreis ehrte. Seine zornerfüllte, gegen die Außenpolitik der USA gerichtete Preisrede musste er bereits auf Video aufzeichnen. Harold Pinter litt lange an Kehlkopfkrebs - an Heiligabend ist er im Alter von 78 Jahren daran gestorben.

„Pinteresker“ Dramen-Stil

Pinter, Sohn eines jüdischen Damenschneiders in London, befolgte ein einfaches Credo: „Hütet euch vor dem Autor, der euch sein ,Anliegen aufzudrängen versucht.“ Deren Herz pulsiere, „wo eigentlich ihre Charaktere zu sehen sein sollten.“ Also: Irritationen statt Botschaften.

Schon das Frühwerk „Die Geburtstagsfeier“ (1958) enthält die typischen Pinter-Zutaten: Ein Ehepaar beherbergt in seiner Pension einen einzigen Gast, dem zwei Fremde eine Geburtstagsfeier arrangieren wollen. Sie verhören und drangsalieren ihn, ohne dass man je erführe, weshalb. Am Ende bringen sie den Gast weg - und zwischen Fragezeichen bleibt ein Gefühl von Bedrohung und Demütigung.

Im Welterfolg „Der Hausmeister“ (1959) ist es ähnlich: Ein Landstreicher nistet sich bei zwei Brüdern ein, spielt sie gegeneinander aus - und keine der drei Figuren wird je das tun, was sie als großen Plan vorgibt. „Pinteresk“ nennt man mittlerweile diese Stücke voll rätselhafter Eindringlinge, undurchschaubarer Machtkämpfe, trügerischer Identitäten und unaufklärbarer Rätsel. Fast allen ist gemeinsam, dass plötzlich die Bodenlosigkeit des Banalen spürbar wird und kafkaeske Komik in Beklemmung umschlägt.

Natürlich ist Harold Pinter ein Kind des absurden Theaters um Beckett und Ionesco, doch übersetzte er deren eisige Höhenflüge in die Niederungen des Alltags. Die Kindheit im ärmlichen Londoner East End hatte Pinters Ohren für die Habenichtse geschärft, und so plappern sich seine Figuren ungeniert um Kopf und Kragen. Dies macht die Stücke bei allem Hintersinn unverschämt unterhaltsam - und zu gefragtem Mimenfutter.

Eigenes Scheitern

thematisiert

In England rissen sich die Größten um seine Rollen; Peggy Ashcroft spielte in „Landschaft“, Ralph Richardson und John Gielgud duellierten sich in „Niemandsland“. Das war 1975, nach einer Zeit großer Pinter-Erfolge auch auf deutschen Bühnen. René Deltgen und Traugott Buhre spielten „Heimkehr“ in Kölns Kammerspielen, Ingrid Andree und Boy Gobert erlebten „Alte Zeiten“ im Thalia-Theater. Danach kam nur noch ein großes Stück: „Betrogen“ (später mit Jeremy Irons und Ben Kingsley verfilmt): Darin rekapituliert Pinter seine gescheiterte Ehe (mit Viviane Merchant) in einer Dreiecks-Konstellation. Ein Spiel von Liebe und Lügen, das sich vom bitteren Ende zum süßen Anfang der Affäre „vor“-arbeitet und so für den Betrachter „verdirbt“.

Später wurden Pinters Stücke kürzer, wortkarger, auch konkreter. Der Autor, dem jedes „Anliegen“ suspekt war, wurde zum politisch engagierten Zeitgenossen. Die Sammlung „War“ mit Anti-Kriegsgedichten entstand 2003 als Reaktion auf den Irak-Krieg. George Bush und Tony Blair bezeichnete er als Kriegsverbrecher.

Nach dem Nobelpreis erlebten seine Stücke vor allem in England eine Renaissance. Trotz schwerer Krankheit spielte Pinter 2006 selbst noch einmal Theater - im Rollstuhl sitzend sann er in Becketts Monolog „Das letzte Band“ besseren Zeiten nach.

Dem Dramatiker Harold Pinter warf man vor, dass er seine Figuren nicht liebe. Doch er hat - wie Georg Hensel sagte - „den erklärbaren Menschen von der Bühne vertrieben“. Keine geringe Leistung.



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