Von Hartmut Wilmes, 26.12.08, 19:14h
„Pinteresker“ Dramen-Stil
Pinter, Sohn eines jüdischen Damenschneiders in London, befolgte ein einfaches Credo: „Hütet euch vor dem Autor, der euch sein ,Anliegen aufzudrängen versucht.“ Deren Herz pulsiere, „wo eigentlich ihre Charaktere zu sehen sein sollten.“ Also: Irritationen statt Botschaften.
Schon das Frühwerk „Die Geburtstagsfeier“ (1958) enthält die typischen Pinter-Zutaten: Ein Ehepaar beherbergt in seiner Pension einen einzigen Gast, dem zwei Fremde eine Geburtstagsfeier arrangieren wollen. Sie verhören und drangsalieren ihn, ohne dass man je erführe, weshalb. Am Ende bringen sie den Gast weg - und zwischen Fragezeichen bleibt ein Gefühl von Bedrohung und Demütigung.
Im Welterfolg „Der Hausmeister“ (1959) ist es ähnlich: Ein Landstreicher nistet sich bei zwei Brüdern ein, spielt sie gegeneinander aus - und keine der drei Figuren wird je das tun, was sie als großen Plan vorgibt. „Pinteresk“ nennt man mittlerweile diese Stücke voll rätselhafter Eindringlinge, undurchschaubarer Machtkämpfe, trügerischer Identitäten und unaufklärbarer Rätsel. Fast allen ist gemeinsam, dass plötzlich die Bodenlosigkeit des Banalen spürbar wird und kafkaeske Komik in Beklemmung umschlägt.
Natürlich ist Harold Pinter ein Kind des absurden Theaters um Beckett und Ionesco, doch übersetzte er deren eisige Höhenflüge in die Niederungen des Alltags. Die Kindheit im ärmlichen Londoner East End hatte Pinters Ohren für die Habenichtse geschärft, und so plappern sich seine Figuren ungeniert um Kopf und Kragen. Dies macht die Stücke bei allem Hintersinn unverschämt unterhaltsam - und zu gefragtem Mimenfutter.
Eigenes Scheitern
thematisiert
In England rissen sich die Größten um seine Rollen; Peggy Ashcroft spielte in „Landschaft“, Ralph Richardson und John Gielgud duellierten sich in „Niemandsland“. Das war 1975, nach einer Zeit großer Pinter-Erfolge auch auf deutschen Bühnen. René Deltgen und Traugott Buhre spielten „Heimkehr“ in Kölns Kammerspielen, Ingrid Andree und Boy Gobert erlebten „Alte Zeiten“ im Thalia-Theater. Danach kam nur noch ein großes Stück: „Betrogen“ (später mit Jeremy Irons und Ben Kingsley verfilmt): Darin rekapituliert Pinter seine gescheiterte Ehe (mit Viviane Merchant) in einer Dreiecks-Konstellation. Ein Spiel von Liebe und Lügen, das sich vom bitteren Ende zum süßen Anfang der Affäre „vor“-arbeitet und so für den Betrachter „verdirbt“.
Später wurden Pinters Stücke kürzer, wortkarger, auch konkreter. Der Autor, dem jedes „Anliegen“ suspekt war, wurde zum politisch engagierten Zeitgenossen. Die Sammlung „War“ mit Anti-Kriegsgedichten entstand 2003 als Reaktion auf den Irak-Krieg. George Bush und Tony Blair bezeichnete er als Kriegsverbrecher.
Nach dem Nobelpreis erlebten seine Stücke vor allem in England eine Renaissance. Trotz schwerer Krankheit spielte Pinter 2006 selbst noch einmal Theater - im Rollstuhl sitzend sann er in Becketts Monolog „Das letzte Band“ besseren Zeiten nach.
Dem Dramatiker Harold Pinter warf man vor, dass er seine Figuren nicht liebe. Doch er hat - wie Georg Hensel sagte - „den erklärbaren Menschen von der Bühne vertrieben“. Keine geringe Leistung.
| JETZT BESTELLEN! 4 Wochen Rundschau zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%. |
|
Anzeige
22. April 2012,
E-Werk Köln