Erstellt 02.01.09, 20:48h
Die Stimme von Suzie Kerstgens klingt rauchig, daran ändert auch der Kräutertee im Hallmackenreuther nichts. Wenn sie lacht, und das tut sie gern und häufig, wachsen Grübchen in ihre Wangen. Als ich ankomme, sitzt sie bereits am Tisch. „Ich habe alle Zeit der Welt“, sagt sie.
Erinnern Sie sich, als Kind der 70er, an Ihren ersten Walkman?
Ich durfte lange Zeit keinen haben. Meine Eltern fanden, das sei nicht gut für die Ohren, dieses laute Musikhören.
Aber Musik haben Sie schon gehört.
Ich habe zwei ältere Geschwister, das war klasse. Mein Bruder stand auf Rock, also Queen und solche Sachen, und meine Schwester eher auf Pop. Und so kannte ich eben nicht nur die Musik meines Jahrgangs, sondern auch ältere Sachen.
Was war Ihre erste eigene Entdeckung?
Das sind eigentlich die Bands, die mein Leben bis heute begleiten: The Cure, The Smiths.
Gehört haben Sie das in Sonsbeck bei Xanten, in der niederrheinischen Provinz also. Wie roch es da, zum Beispiel auf dem Schulweg?
Ich bin ein Buskind, deshalb war da nichts mit Landluft. Aber bis heute in der Nase habe ich den Geruch pubertierender Jungs. Vor allem im Winter, mit beschlagenen Scheiben und so. Ich war anfangs auf einer Mädchenschule, und wenn diese Jungs dann mit im Bus saßen, hat man das extrem gerochen.
Wie ging man in Xanten aus? Eher Scheunenparty und Matratzenkeller?
Früher gabs da im Prinzip zwei Kneipen. Eine coole, die hieß Örpel, und dann das Fips, da ging eher der Fußballverein hin. Ich war bei Örpel, aber da ich ja nicht direkt in Xanten wohnte, war das Hinkommen manchmal schwierig.
Wie sah es mit Diskotheken aus?
In Geldern gab es eine Riesendisco, wo man immer unbedingt reinwollte, auch wenn man eigentlich noch zu jung war. Ich habe mich mit meinen Freundinnen geschminkt bis dorthinaus, um den Türsteher zu bluffen. Hat aber nie geklappt, bis dann mal eine besonders coole Mutter mitkam. Die hat an der Kasse behauptet, wir würden einen 16. Geburtstag feiern. Vor allen, die in der Schlange standen und das mitbekamen, war das natürlich megapeinlich. Aber immerhin: Das war das erste Mal, dass ich da reinkam.
Heute arbeitet Suzie Kerstgens zuweilen im Mülheimer Gebäude 9 als DJane, wobei ihr Künstlername, „die kölsche Kylie“, bereits auf die eher humorige Herangehensweise an die Plattenteller hinweist. Sie könne nie das Ende der Songs abwarten, erklärt sie ihren bedeutendsten DJ-Makel.
Haben Sie da auch Ihre Bandkollegen kennen gelernt? So zwischen zwei Bacardi Cola?
Ich weiß noch, dass ich mal an einem Sonntag nicht mit nach Geldern durfte. Stattdessen stand ich sauer auf der Kirmes herum, wo mich ein Nachbar zu seiner Geburtstagsparty einlud. So richtig im Partykeller, Matratzen, die Eltern nicht da, wie man sich das vorstellt. Und das war dann der Abend, an dem ich Tom und Sten, die Bandkollegen bei Klee, kennen gelernt habe. Von daher sind meine Eltern schuld, dass ich jetzt Musikerin bin und nichts Ordentliches gelernt habe.
Die 80er Jahre haben Ihnen gefallen, obwohl heute viel über dieses Jahrzehnt gelästert wird?
Ja, warum eigentlich?
Weil die älteren Jahrgänge behaupten, sie seien politischer und die Musik substanzieller gewesen.
Na ja, vieles ist doch rübergelappt in die 80er. Mal abgesehen von so manchem Mist der Neuen Deutschen Welle, das war halt TV-Müll, der populär wurde. Unter der angeblichen Oberflächlichkeit der 80er gab es, vor allem in England, zahllose gute Bands.
Es gab keine deutsche Joy Division.
Nein, das stimmt. Ich finde, dass man sich in Deutschland noch immer schwer tut mit Popmusik.
Liegt das an den Musikern oder an der Gesellschaft?
Eher an der Gesellschaft. In England hört man generationsübergreifend, da kann ein Zehnjähriger mit einem 60-Jährigen Texte von Robbie Williams oder Lily Allen singen. Da akzeptiert man Musik eher als Kulturgut, Deutschland ist da viel sperriger. Und im übrigen auch Rock-höriger, finde ich.
Reden Sie von Pur und den Prinzen?
Nee, das ist ja schon Schlager. Aber Bands wie die Ärzte, BAP oder die Toten Hosen genießen hohe Akzeptanz. Das ist so die Musik, die in Deutschland regiert.
Sie haben über die Neue Deutsche Welle gelästert. Aber die hat Bands wie der Ihren doch letztlich den Weg bereitet, oder?
Der Erste, der deutsch gesungen hat, war Udo Lindenberg! Und bei NDW muss man unterscheiden: Sowas wie Fräulein Menke oder Markus - „Kleine Taschenlampe brenn“ und so -, damit macht man es sich natürlich sehr einfach. Da steckt keine Liebe zur Musik drin, das hat alles Gute verwässert. Trio zum Beispiel war ganz große Kunst, Spliff und Fehlfarben auch.
Haben Sie mal ein paar der alten Heroen kennen gelernt, Peter Hein etwa, den Fehlfarben-Sänger?
Ja, das war toll. Der hat sich nicht verändert, der ist sich treu geblieben. Wolfgang Niedecken auch, das ist ein echt integrer Mensch. Finde ich bewundernswert, solche Leute, die sich nicht verdrehen lassen und Rückgrat beweisen über all die Jahre.
Sind Sie eigentlich eine echte Suzie mit z und ie?
Nein, das habe ich geändert. Wollen Sie wissen, wieso?
Klar!
Vor Klee hießen wir ja Ralley, in den 90er Jahren. Das war schwierig, kein Ohr offen für deutschsprachige Popmusik. Nicht zuletzt auch, weil wir das nicht so verkopft à la Hamburger Schule machen wollten, also wie Blumfeld, Die Sterne oder so. Und wenn du dann da stehst, deutsch singst, ein Mädchen bist und auch noch Susi heißt, mit diesen braven runden Buchstaben, dann hast du es wirklich nicht leicht. Jeder denkt da an „Susi, sag mal saure Sahne“ und ähnlich Albernes. Irgendwann hatte ich da keinen Bock mehr drauf und habe das runde S durch ein scharfes Zorro-Z ersetzt.
Das hat es dann gebracht?
Sie glauben es nicht, aber: Ab diesem Moment wurde ich völlig anders wahrgenommen! Ich wurde plötzlich ernst genommen, einzig und allein wegen einem Z.
Ihren Nachnamen behielt sie allerdings bei, obwohl zumindest die Sprachwissenschaftler im Publikum ihren Spaß damit hätten. Kerstgens, so erklärt sie mir, bedeutet nämlich nichts anderes als Christgans.
Sie schreiben die meisten Texte von Klee. Nüchtern oder unter Rotweineinfluss?
(lacht) Unterschiedlich. Aber dass Alkohol beim Texten hilft, ist ein Filmklischee. Über die Jahre habe ich festgestellt, dass es gut ist, ganz konzentriert und sehr nüchtern an diese Texte heranzugehen. Und wenn schon einmal Rotwein-Texte entstanden sind, ist es sehr wichtig, die am nächsten Morgen mit klarem Kopf zu begutachten.
Sie haben Germanistik und Philosophie studiert. Zu Ende?
Nein. Der Kölner Uni-Alltag, das war nichts für mich. Und Lehrer werden, das war auch nicht mein Ding. Meine Referendarzeit habe ich an meinem alten Gymnasium in Xanten gemacht, und parallel dazu im Örpel, meiner früheren Stammkneipe, gekellnert. Ich hab dann gemerkt: Das geht einfach nicht, morgens in der Schule vor diesen Jugendlichen stehen und was von Immanuel Kant erzählen und dieselben Kids dann am Abend fragen, was sie trinken wollen. (lacht)
Bestellen Sie in Kölner Kneipen Becks Gold oder Kölsch?
Kölsch natürlich. Ich habe allerdings gehört, dass Becks Gold extra für Frauen entwickelt wurde. Weil Männer es angeblich attraktiver finden, wenn Frauen aus durchsichtigen Flaschen trinken.
Sie haben zusammen mit BAP gesungen, haben beim Konzert im Stollwerck „Hey Kölle“ angestimmt, und Sie treten manchmal barfuß wie die frühen Bläck Fööss auf. Die zwölf Jahre hier haben offenbar Spuren hinterlassen.
„Hey Kölle“ habe ich sogar mal bei einem Gig im Osten mit den Leuten gesungen. Da war der Strom ausgefallen und nichts ging mehr. Aber es hat wunderbar funktioniert, die haben alle ganz schnell mitgemacht.
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