Von Markus Grabitz, 05.02.09, 09:39h, aktualisiert 29.04.09, 17:29h
Am 24. August wagt er es: Auf dem weitläufigen Gelände der Charité, so sein Kalkül, fällt es nicht auf, wenn er sich der Spree und damit der Sektorengrenze nähert. Er schafft es noch unbemerkt über eine Grundstücksmauer bis zur Spree. Dort wird er entdeckt, stürzt sich in den träge dahinfließenden Fluss. Polizisten schießen von einer Eisenbahnbrücke auf den Flüchtenden.
Zunächst taucht er noch, dann geht ihm die Puste aus. Das rettende West-Ufer ist nur wenige Meter entfernt. Mehrere Schüsse peitschen neben ihm ins trübe Wasser. Dann trifft ihn ein Schuss von hinten in den Nacken.
Günter Litfin ist der erste Mensch, der nach dem Bau der Berliner Mauer erschossen wurde. Seine Mutter und sein Bruder Jürgen bangen noch tagelang um ihn. Als am 26. August dann im Westfernsehen Bilder vom gescheiterten Fluchtversuch gezeigt werden, werden schlimme Gedanken zur Gewissheit. Am nächsten Tag macht sich sein Bruder auf zur Ostberliner Gerichtsmedizin in der Hannoverschen Straße - nur wenige hundert Meter vom Tatort entfernt. Auf eine Erklärung wartet Jürgen Litfin vergeblich, er bekommt nur den amtlichen Totenschein: "Tod durch fremde Hand. Hals- und Mundboden-Durchschuss, verbunden mit Ertrinken."
Nach den Todesschüssen begann für Jürgen Litfin und seine Familie ein langer Leidensweg: Der Bruder, "der der ruhende Pol in der Familie" gewesen war, war aus dem Leben gerissen. 1968 durfte die Mutter ausreisen in den Westen. Jürgen Litfin harrte in Ostberlin aus mit seiner Frau und seiner Tochter Marion. 1980 brachte die Stasi dann auch diese Welt jäh zum Zusammenbruch: Die Hochzeit von Marion stand an, Jürgen Litfin kaufte ihr in der Mangelrepublik DDR gebraucht Mobiliar für einen eigenen Haushalt. Was er nicht ahnte: Der Verkäufer wollte sich in den Westen absetzen. Nach missglückter Flucht wurde er von der Stasi verhört und nannte den Namen des Möbelkäufers: Jürgen Litfin. Das brachte Jürgen Litfin eine Odyssee durch die Gefängnisse der DDR ein. "Beihilfe zur Republikflucht" lautete das Vergehen. Nach zehn Monaten Knast wurde er schließlich vom Westen freigekauft und durfte nach Westberlin übersiedeln.
Jürgen Litfin war 21, als sein Bruder erschossen wurde. Heute ist er 69. Wer ihn kennen lernt, merkt schnell, dass ihn das Verbrechen, dem sein Bruder zum Opfer fiel, sein ganzes Leben lang nicht mehr losgelassen hat.
"Mensch, die haben uns doch nicht mehr unbeobachtet gelassen", platzt es aus Litfin in typisch berlinerischer Art heraus. Auf Schritt und Tritt lauerten die Spitzel. "10.10 -10.35 Uhr Brigitte mit Hund auf dem Hof und Straße,..., hatte hellblonde Perücke auf.", das steht in der Stasiakte über seine Frau.
Litfin ist so etwas wie ein Historiker in eigener Sache geworden. In Archiven hat er Erstaunliches zutage gefördert: Etwa das Protokoll, das die Polizei nach den tödlichen Schüssen auf seinen Bruder zu den Akten gegeben hat. Es trägt die handschriftliche Paraphe "EH". "Das war Erich Honecker, der hat sich alles kommen lassen", berichtet Litfin.
Aus den Akten geht auch hervor, wer die tödlichen Schüsse abgab. Die Täter, auch das hat Litfin recherchiert, wurden noch direkt am nächsten Tag belohnt: Herbert P. und Heinz R. erhielten vom DDR-Innenminister persönlich das Volkspolizei-Abzeichen, eine Uhr und 200 Mark. Erst 1997 wurde ihnen der Prozess gemacht, am zweiten Prozesstag wurde das Urteil gesprochen: "Die Angeklagten sind des Totschlags schuldig." Der Schütze bekam 18 Monate, sein Kollege zwölf Monate Freiheitsstrafe zur Bewährung.
Jürgen Litfin hat durchgesetzt, dass in Berlin-Weißensee eine Straße nach seinem Bruder benannt wurde. Seine Augen blitzen: "Viele der Leute, die da heute wohnen, waren im Stasi-Knast von Hohenschönhausen." Nicht als Insassen, sondern als Angestellte, versteht sich.
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