Von Peter Sennekamp, 15.02.09, 22:17h
Eine positive Antwort darauf gaben zuletzt Vertreter europäischer Stromkonzerne, Reaktorbauer, Diplomaten und Politker bei einem nichtöffentlichen Treffen im Brüsseler Palais Egmont - darunter Gäste aus Frankreich, Großbritannien, Tschechien, Polen, Bulgarien, der Slowakei, Litauen, Italien und Deutschland. Bei der hochrangig besetzten Jahreskonferenz des französischen Institut für Internationale Beziehungen (IFRI) unter dem Motto „Investieren in Europas Energiezukunft “ hatte der Slogan „Renaissance der Atomenergie“ Hochkonjunktur. Nach Schwedens Signal gegen den Atomausstieg kündigte für Polen Maciej Wozniak, Energiechefberater von Ministerpräsident Donald Tusk, den Atom-Einstieg an. Polen werde „mindestens zwei“ große Atomkraftwerke bauen. Sie sollen in den Jahren 2020 und 2023 ans Netz gehen mit insgesamt 6000 Megawatt Leistung. Für Überraschung sorgte auch Tschechien. Das Land will nach Regierungsangaben langfristig „50 bis 60 Prozent“ seines Stromverbrauchs aus Atomkraftwerken gewinnen. Entsprechende Kalkulationen legte Roman Portuzak, Chef der Abteilung Stromversorgung im tschechischen Wirtschaftsministerium, vor. Die Pläne seien aber noch nicht besiegelt.
Am Rande der Elite-Konferenz hieß es, Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy habe grünes Licht gegeben, noch ein drittes neues AKW vom Typ „Europäischer Druckwasser-Reaktor“ (EPR) bauen zu lassen. Ein erster EPR befindet sich bereits im Bau in Flamanville, einen zweiten hatte Sarkozy erst Ende Januar angekündigt. Dieser soll am Ärmelkanal bei Dieppe errichtet werden. Von einem dritten EPR-Bau in Frankreich geht man beim US-Kraftwerkskonzern Westinghouse aus. Das Projekt sei aus einem Handel zwischen Sarkozy und zwei französischen Energiekonzernen, darunter Gaz de France, hervorgegangen. Auch in Großbritannien werden französische Konzerne (EdF oder Areva) neue Atomkraftwerke bauen, nachdem die britische Regierung grünes Licht gab.
Tage vor der IFRI-Konferenz hatte auch der EU-Ratspräsident und tschechische Regierungschef Mirek Topolanek öffentlich verkündet, Europa müsse seine Abhängigkeit von (russischem) Öl und Gas senken, das gelinge aber „nicht ohne Nuklearenergie“. Ein weiteres Ereignis mit Signalwirkung: Im Europäischen Parlament stimmte die Mehrheit der EU-Abgeordneten für „einen Investitionsfahrplan für die Kernenergie“, wie CSU-Abgeordnete Angelika Niebler zufrieden vermerkte. Auch Francesco Giorgianni, Kommunikationschef des größten italienischen Energiekonzerns Enel, geht davon aus, dass sein Land den Atom-Ausstieg rückgängig machen und AKWs bauen werde. Um mehr Gaslieferungen in den Westen (und russische Staatseinnahmen) zu sichern, wolle auch Russland neue Reaktoren ans Netz bringen, erklärt Bulat Nigmatullin, Vizechef des Moskauer Instituts für natürliche Monopole: Der Strom soll das in Russland zu Spottpreisen verheizte Gas teilweise ersetzen. An den Plänen will auch der deutsche Siemens-Konzern mitverdienen, der gerade dabei ist, sich von seiner Minderheitsbeteiligung beim französischen Reaktorbauer Areva zu lösen - und künftig auf Gemeinschaftsentwicklungen mit Russland setzt.
Walter Hohlfelder, Chef des Deutschen Atomforums (DAtF), sieht in der aktuellen Entwicklung einen europäischen Trend. Auch William C. Ramsay, Ex-US-Botschafter und Vize-Chef der Internationalen Energie Agentur, sagte: „Wir sind gut unterwegs in eine nukleare Renaissance“.
Nüchtern hingegen sehen Atomkraftgegner wie die deutsche Sektion der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW) den Trend. „Wir kennen das seit 20 Jahren“, so Henrik Paulitz, Energieexperte der IPPNW. „Immer wieder kündigt die eine oder andere Regierung an, ganz groß in die Atomenergie einsteigen zu wollen. Das führt dann allenfalls zum Ergebnis, dass wie in Finnland an einem einzigen Atomkraftwerk zehn Jahre lang herumgedoktert wird.“
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22. April 2012,
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