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Interview-Prof. Gottfried Fischer

„Eine ganz hinterhältige Art von Trauma“

Erstellt 10.03.09, 11:28h

Prof. Gottfried Fischer, Leiter des Instituts für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Uni Köln, ist einer der Begründer der Psychotraumatologie in Deutschland. Mit ihm sprach Anna Hagebusch über die seelischen Folgen der Stadtarchiv-Katastrophe.

Köln - Sie sind mit dem Deutschen Institut für Psychotraumatologie unmittelbar an der Betreuung der von dem Einsturz betroffenen Menschen beteiligt. Wie sieht diese Versorgung aus?

Wir sind seit Donnerstag stets mit mindestens einem Mitarbeiter in der zentralen Anlaufstelle im Mercure-Hotel vor Ort. Zudem ist unser Opfer-Handy rund um die Uhr erreichbar. Inzwischen haben sich 50 bis 60 Menschen bei uns gemeldet.

Was war das Traumatisierende am Einsturz des Stadtarchivs?

Die völlig undenkbare und völlig unvorhergesehene Katastrophe wurde Wirklichkeit. Zudem war das fundamentale Sicherheitsgefühl der Menschen in diesem Teil der Stadt über einen langen Zeitraum bedroht, bevor es einigermaßen wiederhergestellt werden konnte.

Zu den Betroffenen gehören also weit mehr Menschen als diejenigen, die in den eingestürzten Gebäuden waren und die Augenzeugen?

Auch die weiteren Anwohner der Severinstraße und wahrscheinlich sogar die Bewohner der gesamten Südstadt sind betroffen: Es war ja nicht auszuschließen, dass noch mehr passieren würde. Das Gerücht, dass ein unentdeckter unterirdischer Brunnen weitere Einstürze verursachen könnte, hielt sich in der Südstadt eine ganze Zeit. Die Menschen dort waren also permanenter psychologischer Spannung ausgesetzt, kamen nicht zur Ruhe. Das ist eine ganz hinterhältige Art von Trauma, sie geht schleichend voran. Es ist vergleichbar mit einer Giftkatastrophe, bei der auch niemand weiß, woher die Gefahr kommt.

Wie gehen Sie vor, wenn sich Menschen mit Ihnen in Verbindung setzen?

Wir haben ein psychologisches Instrument entwickelt, das es uns ermöglicht, mit Hilfe einer Befragung die Betroffenen in drei Gruppen zu unterteilen: Die so genannten Selbstheiler erholen sich in der Regel von selbst. Bei der Risikogruppe, die etwa ein Viertel der Personen ausmacht, besteht die Gefahr, dass eine posttraumatische Belastungsstörung entsteht. Die größte Gruppe sind die Wechsler: Sie stehen zwischen beiden Gruppen und machen etwa die Hälfte aller Personen aus.

Wie können Sie den Menschen, die Sie in die Risikogruppe einordnen, helfen?

Zunächst führen wir mit allen ein Gespräch, um die Menschen zu beruhigen. Im Bedarfsfall vereinbaren wir dann gleich einen zweiten Gesprächstermin, weitere Gespräche können folgen. Zudem bleiben wir in telefonischer Verbindung. So kann ein vertrauensvoller Gesprächskontakt entstehen. Wenn weitere Gespräche notwendig sein sollten, vermitteln wir die Person an einen Traumatherapeuten. Aber nur maximal ein Viertel der Betroffenen braucht eine vollständige Traumatherapie.

Wie lässt sich ein Trauma behandeln?

Die Traumatherapie dauert in der Regel nicht länger als acht bis zehn Stunden, eine Traumatisierung ist also gut zu behandeln. Es ist auch wichtig zu verstehen, dass ein Trauma keine Störung oder Krankheit ist. Es ist vielmehr eine normale Reaktion auf eine verrückte Situation.

Wie erkennt man eine Traumatisierung?

Wenn die Traumasymptome über längere Zeit, also rund 14 Tage, nicht verschwinden. Zur Symptomatik gehören so genannte „intrusive Erinnerungen“, also spontan wiederkehrende, belastende Gedanken, Vermeidungsverhalten, Übererregbarkeit und eventuell Depressionen sowie der Zwang, ständig nachzugrübeln.

Es war in den letzten Tagen öfters zu lesen und zu hören, die Stadt Köln habe ihr Gedächtnis verloren. Hat auch dies eine besonders traumatische Wirkung auf die Menschen in dieser Stadt?

In der Tat. Das ist die besondere Tragik dieses Ereignisses: Zur Symptomatik der psychischen Traumatisierung gehört ja auch der Gedächtnisverlust. Es ist also geradezu eine Ironie des Schicksals, dass mit dem Absturz des Stadtarchivs in diesen 30 Meter tiefen Krater auch die Identität der Stadt bedroht ist. Man könnte sagen: Der Gedächtnisverlust der Stadt passt ins Symptombild des psychischen Traumas.

Viele der älteren Bewohner der Stadt haben sich zudem an die Geschehnisse im Zweiten Weltkrieg erinnert gefühlt. Welche Bedeutung hat diese Wiederkehr der Kriegserinnerungen?

Das ist eigentlich ein Klassiker der Psychotraumatologie: Eine Gesetzmäßigkeit besagt, dass durch eine aktuelle Katastrophe frühere Erinnerungsbilder wieder hervorgerufen werden können. Der Schuttkrater sah ja auch wirklich aus wie ein Bombentrichter. Man kann also verstehen, dass die Bevölkerung gerade hier in Köln höchst sensibilisiert ist.



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