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Tagesthema vom 23. März

Schramma: „Absolut unverständlich“

Von Susanne Happe, 22.03.09, 23:01h, aktualisiert 01.04.09, 23:09h

Erst am Freitag wurde Kölns OB Fritz Schramma darüber informiert, dass sein Baudezernent und zwei KVB-Vorstände bereits seit dem 12. März wussten, dass es in der U-Bahn-Baustelle am Stadtarchiv im September 2008 einen Grundbruch gab. Jetzt fordert er personelle Konsequenzen.

Stadtarchiv
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Blick auf die Unglücksstelle eingestürzten Stadtarchivs. (Bild: dpa)
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Blick auf die Unglücksstelle eingestürzten Stadtarchivs. (Bild: dpa)
Fritz Schramma
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OB Fritz Schramma fordert personelle Konsequenzen. (Bild: dpa)
Fritz Schramma
Köln - Nachdem bekannt wurde, dass sowohl Kölns Baudezernent Bernd Streitberger (CDU), als auch Jürgen Fenske (SPD), Chef der Kölner Verkehrs-Betriebe (KVB) und der KVB-Technikvorstand Walter Reinarz (CDU) mindestens seit dem 12. März von einem Grundbruch in der U-Bahn-Baustelle am Waidmarkt im September 2008 wussten, fordert Kölns OB Fritz Schramma (CDU) personelle Konsequenzen. Stadtdirektor Guido Kahlen (SPD) soll bis heute Morgen die disziplinarrechtlichen Möglichkeiten gegen den Dezernenten abklären. Es sei „absolut unverständlich“, dass bis zum Freitag, 20. März, weder der Krisenstab, er selbst oder Kahlen informiert worden seien, so der OB. Experten vermuten, dass ein Grundbruch Auslöser für den Einsturz des Historischen Archivs am 3. März gewesen ist, bei dem zwei junge Männer umkamen.

Am Freitag hatte Schramma eilig eine Sondersitzung des Koordinierungsstabes einberufen, nachdem ihm sein Wirtschaftsdezernent Dr. Norbert Walter-Borjans (SPD) die brisanten Informationen übergeben hatte. Kurz nach 15 Uhr war die Runde wie vom Donner gerührt. Auslöser war Streitberger. Der musste einräumen, dass ihm bereits am 12. März drei Protokolle von Baubesprechungen für die Nord-Süd-U-Bahn vorlagen, in denen von einem hydraulischen Grundbruch bereits im September 2008 die Rede ist. Streitberger gab an, er habe die Protokolle auf der „Arbeitsebene“ von einem KVB-Mitarbeiter bekommen und an Fenske und Reinarz weitergereicht. Auf eindringliche Nachfrage soll der Dezernent geantwortet haben, er habe keine Veranlassung gesehen, auch den OB oder den Stadtdirektor in Kenntnis zu setzen.

In den Protokollen von der Baustelle Waidmarkt vom 3. und 17. Februar und vom Einsturztag, dem 3. März, heißt es jeweils unter Punkt „3.2 Terminplan“: „Nach Ansicht der Arge Süd wird aufgrund des hydraulischen Grundbruchs im September ein erneuter Verzug von voraussichtlich 4-6 Wochen eintreten.“ An den Baustellenbesprechungen nahmen unter anderem Mitarbeiter der KVB, der Firmen-Arbeitsgemeinschaft (Arge) Los Süd und ein Vertreter der städtischen Vermessungsabteilung teil.

Im Protokoll vom 17. Februar 2009 wird unter Punkt „2.8 Wasserhaltung“, unter anderem festgehalten: „Durch zwei Schlitzwandfugen im Block 2 dringen weiterhin größere Mengen Wasser in die Baugrube. Diese beiden Fugen werden durch die Arge noch verpresst. Im Block 3, Ecke Nord-West, betreibt die Arge eine offene Wasserhaltung wegen undichter Schlitzwandfugen. Nach Aussagen der Arge kam es zu keiner Zeit zu Ausspülungen an den undichten Schlitzwänden.“

Die Arge Los Süd wird von verschiedenen Firmen gebildet, sie hat auch die Bauleitung des Projektes. Die KVB, denen die örtliche Bauüberwachung an der U-Bahnbaustelle am Waidmarkt obliegt, teilten mit, nach Aussagen der örtlichen Bauüberwachung hätten „Undichtigkeiten an den Schlitzwandlamellen ausschließlich im nordwestlichen Teil des Bauwerks“ bestanden, aber „die Unglücksstelle befindet sich im südöstlichen Teil des Bauwerks“.

Dass die ganze Sache jetzt öffentlich wurde, ist Wirtschaftsdezernent Walter-Borjans zu verdanken. Als der am 18. März von einem Mitarbeiter einen Sachstandsbericht über Prüfmessungen der städtischen Vermessungsabteilung an der Strecke der Nord-Süd-U-Bahn bekam, forderte er einen umfassenden Bericht an. Dabei wurde ihm mitgeteilt, dass am 5. Februar 2009 Messungen wegen „Problemen mit der Wasserhaltung“ durchgeführt worden seien. Es stellte sich heraus, dass der städtische Mitarbeiter an den Baustellenbesprechungen zum „Gleiswechsel Waidmarkt“ - die U-Bahn-Baustelle am Stadtarchiv - teilgenommen hat. Er übergab Walter-Borjans drei Sitzungsprotokolle. Unmittelbar nach Erhalt las Walter-Borjans am Freitagmorgen um 7.55 Uhr die Papiere, entdeckte die Vermerke zum Grundbruch im September und informierte umgehend OB und Stadtdirektor.

Überdies wurde bekannt, dass die KVB und die Stadt vor einigen Jahren einen Vertrag geschlossen haben, wonach die städtische Vermessungsabteilung gegen Rechnung für die KVB 3000 Systemmesspunkte an der Strecke der Nord-Süd-U-Bahn angebracht und vermessen hat. Das war die so genannte Null-Messung. Die kontinuierliche Messung haben die KVB einem privaten Vermessungsinstitut übertragen. Ab und an wurde die städtische Vermessungsabteilung mit der Überprüfung von Daten des Privaten beauftragt. So heißt es in dem Protokoll der Baustellenbesprechung vom 3. Februar: „Vermessung. Die mehrfach geforderten Messwerte unmittelbar neben der Baugrube auf der Ost- und Westseite sind der BÜ 202 (Bauüberwachung, d. Red.) umgehend zu übergeben.“

Nachdem die KVB diese Messungen bei ihrem privaten Auftragnehmer angemahnt hatten und die Dringlichkeit in der Besprechung mit Problemen bei der Wasserhaltung begründet worden sei, habe der städtische Mitarbeiter am 5. Februar sich ebenfalls, wenn auch ohne konkreten Auftrag, zu einer Messung veranlasst gesehen, die Daten dann aber zunächst bei sich gehalten und das private Vermessungsinstitut nach dessen Messdaten gefragt, berichtet Dezernent Walter-Borjans. Das Institut hatte am 4. Februar kontrolliert. Beide Seiten kamen zu dem Ergebnis, dass an vier Punkten der Strecke Verschiebungen in der Größenordnung von sieben Millimetern entstanden waren. Seit der Null-Messung hatte sich das Gebäude vorne um 20 Millimeter und hinten um 17 Millimeter gesenkt.

Am 3. März, dem Tag, an dem das Stadtarchiv einbrach, fand um 10.30 Uhr eine Baustellenbesprechung statt. Im Protokoll steht unter dem Stichwort „Vermessung“: „Bei Kontrollmessungen an den Rückseiten der Häuser Waidmarkt wurden an vier Punkten durch Amt 23 (städtisches Amt für Liegenschaften, Vermessung und Kataster, d. Red) Abweichungen zu den Arge-Messungen festgestellt. Diese wurde inzwischen durch die Arge korrigiert.“ Am Mittag stürzte das Gebäude ein.



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