Von Peter Heusch, 24.03.09, 21:23h, aktualisiert 24.03.09, 21:25h
Der Zwischenfall beleuchtet, in welch tiefe Vertrauenskrise der Papst die Kirche in Frankreich gestürzt hat. Laut jüngster Umfragen fordern 85 Prozent der französischen Katholiken, dass Rom seine Haltung zu Verhütungsmitteln ändert.
Die Kritik geht einher mit einem dramatischen Ansehensverlust des Papstes selber. Seit September 2008 stürzte die Zustimmung der Gläubigen zu ihrem Kirchenoberhaupt von 65 auf 29 Prozent ab und 43 Prozent wünschen sogar den Rücktritt Benedikts.
Als „äußerst bedenklich“ stuft Meinungsforscher Jean-Daniel Levy den Popularitätseinbruch des Papstes ein. Zumal das Unverständnis, welches Benedikt XVI. hervorruft, im krassen Gegensatz steht zu seinem umjubelten Frankreichbesuch im Herbst 2008. Damals hatte es der Papst trotz heftiger Medienschelte an seiner Glaubensauslegung verstanden, die Herzen der Franzosen zu erobern. Selbst Würdenträger, die sein mangelndes Charisma bemängelt hatten, ergingen sich in Lobeshymnen auf seine freundliche Bescheidenheit, seine Geradlinigkeit und seine intellektuelle Schärfe.
Der erneute, radikale Stimmungsumschwung stürzt die Repräsentanten der Kirche in Frankreich in Sprachlosigkeit. Selbst die Verteidigungsversuche des sonst so wortgewandten Pariser Kardinal André Vingt-Trois fielen schwach aus. Der Papst werde falsch interpretiert, meinte der Erzbischof müde und ließ den vollen Wortlaut der Papst-Erklärung in allen Kirchen verteilen.
„Alt, müde und isoliert“Die Medien hingegen sprechen von einer „Scheidung“ zwischen Benedikt und den französischen Katholiken und räumen der Rücktrittsforderung breiten Raum ein. Dies, sowie Stellungnahmen von Vatikan-Experten, die den Papst als alt, müde sowie isoliert bezeichnen oder erklären, dass die Kirchengeschichte fünf Fälle von „freiwilligem“ Amtsverzicht aufweise, bringt den harten Kern der Katholiken mittlerweile in Rage.Allerdings gründet die Schärfe der Polemik auch in der einzigartigen und in sich widersprüchlichen Haltung gegenüber der römischen Kirche. Auf der einen Seite beruft sich Frankreich gerne darauf, „älteste Tochter der Kirche“ zu sein. Immerhin 80 Prozent der Franzosen bezeichnen sich als Katholiken.
Auf der anderen Seite gehört es zum guten Ton, den Republikaner mit antiklerikaler Prägung herauszukehren. Im Mutterland der radikalen Säkularisierung wurde 1905 die strikte Trennung zwischen Kirche und Staat zum Gesetz erhoben und die Kirchensteuer abgeschafft. Papstkritik hat links des Rheins eine lange Tradition. Und sie kann sehr weit gehen.
Etwa, wenn der wegen seiner spitzen Zunge gefürchtete Kolumnist Jean-Pierre Gauffre dem Papst bescheinigt, radikalen Moslems in punkto Extremismus kaum nachzustehen. Endlich habe die Kirche ein Oberhaupt, das sich nicht ins Bockshorn jagen lasse. Benedikt sei stark und unbeirrbar, was eigentlich nicht so überraschend sei bei einem Mann, der sich 60 Jahre nach seinen Erfahrungen bei der Hitlerjugend als Papst „Benito“ nennen lasse . . .
In einem durch solche Anfeindungen aufgeheizten Klima verwundert selbst die höchst unchristliche Prügelei auf dem Vorplatz der Kathedrale Notre Dame wenig.
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