Von Christian Satorius, 26.03.09, 21:48h
„Ein Drittel der Deutschen hat noch nie die Milchstraße gesehen“, sagt Dr. Andreas Hänel von der Initiative Dark Sky, die sich den Kampf gegen die Lichtverschmutzung auf die Fahnen geschrieben hat. Warum das so ist, erläutert der Physiker und Leiter des Osnabrücker Planetariums auch: „Schwache Objekte am Himmel, wie die Milchstraße, sind nicht mehr richtig zu sehen, weil sie im künstlichen Lichtermeer untergehen, es gibt kaum noch einen Fleck, an dem es nachts noch richtig dunkel wird.“
Grelle Leuchtreklamen, kilometerweit in den Himmel strahlende Skybeamer, mit tausenden Watt angestrahlte Bauwerke, endlos brennende Solarlampen, hellerleuchtete Tankstellen und Bürogebäude sowie weitstreuende Straßenbeleuchtungen hüllen unsere Städte in gigantische Lichtglocken und rauben dem Nachthimmel so seine Schönheit. Das tiefe Schwarz fehlt nun aber am Himmel als Kontrast, um auch die weniger hell strahlenden Himmelskörper für das bloße Auge sichtbar zu machen. Der Schein der künstlichen Lichtquellen, der sich an unzähligen Staub- und Feuchtigkeitspartikeln in der Luft bricht und in alle Richtungen streut, setzt dem abendlichen Schauspiel am Himmel schwer zu.
Astronomen, aber auch Biologen und Mediziner schlagen inzwischen verstärkt Alarm angesichts des sich immer weiter ausbreitenden „Beleuchtungswahns“, wie Kritiker dieses stetig zunehmende Phänomen benennen. „Die Lichtverschmutzung nimmt allein in Deutschland in jedem Jahr um sechs Prozent zu, in Japan sind es gar zwölf Prozent“, sagt Dr. Andreas Hänel.
Unterstützung bekommen die Astronomen seit einiger Zeit von den Biologen, den Vogelkundlern und Insektenforschern. Der Zoologe Prof. Dr. Gerhard Eisenbeis von der Universität Mainz geht davon aus, dass jedes Jahr etwa 150 Billionen nachtaktive Insekten allein an Deutschlands Straßenlaternen verenden. Sie verbrennen am Leuchtkörper oder dringen durch undichte Stellen in die Lampen ein und finden nicht wieder heraus. Aber nicht nur das: Viele werden magisch vom Licht angezogen und umkreisen dieses bis zur völligen Erschöpfung.
Nun sind Insekten nicht gerade Sympathieträger, es dürfte aber wohl jedem einleuchten, dass all diese Tiere später bei der Bestäubung der Pflanzen fehlen, mahnen die Biologen. Gerade den Schmetterlingen kommt hierbei angesichts des weltweiten Bienensterbens eine immer wichtigere Rolle zu - und die sind nun einmal in der Mehrzahl nachtaktiv. Jedes Tier, das einen unnötigen Tod in einer Lampe stirbt, fällt außerdem als Beute für die Vögel aus, denn auch auf diese Weise spielen Insekten nun einmal eine wichtige Rolle im Kreislauf der Natur. Ornithologen beanstanden: Die künstlichen Lichtquellen lenken Zugvögel auf ihren Wanderungen ab, Erschöpfung und Tod sind oftmals die Folge. In den USA, dem Land der Wolkenkratzer, hat man für dieses Problem sogar einen eigenen Begriff: „Tower-Kill“. Amerikanische Vogelkundler gehen davon aus, dass allein in Nordamerika in jedem Jahr etwa eine Milliarde Zugvögel an Hochhäusern verendet.
In Deutschland hat der Bonner Biologe Heiko Haupt den Post-Tower von Bonn daraufhin genauer unter die Lupe genommen, mit seinen 162,5 Metern eines der größten Hochhäuser Deutschlands, das in der Nacht gleich in mehreren Farben hell erleuchtet wird. Innerhalb eines einzigen Jahres wurden über 827 Vögel durch die Beleuchtung irritiert, 151 davon (18,3 Prozent) starben unmittelbar am Turm, meist durch Aufprall bzw. Absturz. Inzwischen hat die Deutsche Post AG die Beleuchtung zumindest zur Zeit des Vogelzuges angepasst.
Ornithologen sehen in den so genannten Skybeamern eine weiteres großes Problem, in den Scheinwerferstrahlen also, die gern von Diskotheken stark gebündelt in den Himmel geschickt werden und so oft kilometerweit zu sehen sind. Sie ziehen die Tiere aus großen Entfernungen an und lenken sie so von ihren Wanderungen bis zur totalen Erschöpfung ab, wichtige Energievorräte werden so verbraucht.
Als erstes EU-Land hat Slowenien ein Gesetz gegen Lichtverschmutzung verabschiedet, in Deutschland wird zur Zeit noch über eine entsprechende Petition diskutiert, während einzelne Städte wie Augsburg und Mainz mit der Bekämpfung der Überbelichtung schon Ernst machen.
Vor allem geht es den Befürwortern eines eigenen Gesetzes darum, Licht in Zukunft bewusster und effektiver, vor allem aber nicht mehr in überflüssiger Weise einzusetzen, ohne dabei berechtigte Sicherheitsinteressen zu vernachlässigen. Wer nicht warten will, bis ein Gesetz erste Wirkungen zeigt, muss sich den Nachthimmel derweil wohl noch in der Wüste anschauen.
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22. April 2012,
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