Von CORDULA ORPHAL, 28.03.09, 07:09h
Eine fünfte Klasse, der Lärmpegel steigt, die Kinder nehmen sich Arbeitsblätter, die in der Raummitte auf dem Boden liegen, gehen zurück zu ihren Gruppentischen, quatschen, lachen, das sieht und hört der Besucher durch die Glastür. Ich muss ein wenig für Ruhe sorgen, sagt die Englischlehrerin und spitzt die Lippen: Psst. Still wird es nicht, muss es auch gar nicht. Die Klasse ist leistungsstark, das Lernen macht den Kindern sichtlich Spaß. Nur diese Art von selbstständigem Arbeiten, mit Wochenplan und ohne Stillsitzen, kennen die Fünftklässler offenbar nicht aus der Grundschule, anders als die anderen Anfänger.
Eine Stunde dauert
60 Minuten
Die Uhren gehen anders am GAT: Seit dem Sommer dauert eine Schulstunde 60 Minuten und beginnt meist mit einem Gesprächskreis. Was steht an heute? Die Lehrerin informiert, dass sie die Arbeitsbücher einsammelt. Bekommen wir dann Noten?, fragt ein Zehnjähriger. Nein, antwortet sie und schiebt die Begründung hinterher, nicht zum ersten Mal. Sie wolle lieber Anregungen drunter schreiben, individuell abgestimmt: den Schwächeren, der nun alles gut erledigt hat, loben; den Stärkeren, der sich im Vergleich zum letzten Mal nicht verbessert hat, anspornen. Warum versuchst Du nicht ein paar Zusatzaufgaben? Alle über einen Kamm zu scheren, das kann auch frustrieren, meint die Pädagogin, die ihren Namen lieber nicht in der Zeitung lesen will. Wir müssen Noten geben, weil es Vorschrift ist bei Klassenarbeiten, auf dem Zeugnis, erklärt sie den Schülern.
Fördern und Fordern - es geht nicht um Kuschelpädagogik auf dem GAT, aber um eine andere Lernkultur, gerade auch in Zeiten, in denen der Stoff aus neun Jahren in acht Jahren vermittelt werden soll und deshalb vermehrt der Nachmittag genutzt wird. Dieser Druck führte letztendlich zu den vielen Änderungen in dem Gymnasium, das nie über Schülermangel zu klagen hatte und das auch in den Personalabteilungen großer Unternehmen einen guten Ruf genießt.
Wenn er könnte, würde Gerhard Fischer noch schneller vorangehen, nicht nur Holz- gegen Glastüren tauschen, die im übrigen immer offen sind: 150 Schüler vor sechs Türen in einem Flur, die auf die Lehrer warten, die endlich aufschließen, das ist eine Situation wie in einer Hühnerbatterie. Den entscheidenden Impuls gab ein Film, den er mit Kollegen 2005 sah, der nach dem Pisa-Schock entstand und neue Ideen von Schule zeigte. Wie in Jena, wo Lehrer die Jenaplan-Schule gründeten, in einem alten Gebäude, ohne viel Geld, aber voller Enthusiasmus. Acht Mal besuchte Fischer mit Kollegen Jenaplan, ließ sich anstecken von der Schule für alle, die die i-Dötzchen bis zum Abitur führt, nicht in Jahrgangsklassen, sondern altersübergreifend, leistungsorientiert, aber ohne Noten, mit Offenheit und Respekt. Mit viel Bewegung - und ohne Klingel, Kreide und Tafel. Die braucht niemand, da sind sich die Siebtklässler einig, die gerade in der Pausenhalle des GAT sitzen und sich in ihre Aufgaben vertiefen: Deutsch oder Mathematik, das durften wir uns aussuchen. Um 10.15 Uhr müssen sie wieder oben sein im Klassenzimmer, sagt Dennis, der auf die Uhr schaut. Er vermisst das alte Modell offenbar nicht, genau wie Valerie. Im Gegenteil, sagt die 13-Jährige: Lehrer, die nur vorne stehen und reden und reden, das ist doch stinklangweilig.
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